
Was ist Männergesundheit? Der Begriff wird alle Jahre wieder etwas mehr als sonst ventiliert, sobald der Movember im November ansteht. In dieser trüben Zeit soll das Thema Männergesundheit in den Fokus gerückt werden. Move (Bewegung), Moustache (Schnauzbart) und November sind die drei Teile dieses Kofferwortes. Der Schnauzbart ist dabei das Merkmal des Movembers, denn die Teilnehmer an dieser Bewegung lassen sich während des Novembers einen Oberlippenbart wachsen und rasieren ihn erst zum Ende des Monats. Entstanden ist die Bewegung in Australien. Ihr Zweck war und ist auf die Vorsorgeuntersuchung vor Prostatakrebs hinzuweisen. Auch die Achtsamkeit auf die Gesundheit von Männern insgesamt soll mit dem Movember vermehrt werden.
Ein wesentlicher Part der Männergesundheit ist die seelische Gesundheit. Hier fehlt es insgesamt an gesellschaftlicher Empathie für die psychischen Probleme von Männern. Das liegt zum Teil an den Männern selbst, die es oft nicht wagen, sich körperliche und mentale Schwäche zuzugestehen. Es ist ihr männliches Selbstverständnis, dass ihnen das nicht erlaubt. Seelische Einschränkungen wie Trauer, Angst, Mutlosigkeit und fehlende Zuversicht gelten als unmännlich. Ein Mann muss stark sein und sollte über derlei seelischem Firlefanz stehen. Getragen wird diese Sicht vor allem vom gesamtgesellschaftlichen Männerbild, das in vielfältiger Weise diskriminierend ist. Allein die gleichermaßen rassistische wie sexistische Floskel vom „alten weißen Mann“ ist ein gedankenloser Topos innerhalb der selbstgerechten Gemeinschaft woker Gebildeter, der zugleich zeigt, dass Dummheit auch vor Bildung nicht halt macht, sondern ihr vielmehr durchaus immanent sein kann.
Männer erleiden viel Schmach. Scheinbar moderne Frauen haben kein Problem damit, Männer in vielfältiger Weise zu verunglimpfen, um sich selbst zu erhöhen. Auch dies ist ein ausgewiesener Zug von Dummheit. Nur Dummheit ist im Gegensatz zur Blödheit nicht unverschuldet, sondern basiert auf Ignoranz und Dünkelmut; sie ist gewollt beziehungsweise wird unbedacht in Kauf genommen. Das wiederum erschwert es, einen auf gegenseitigem Verständnis beruhenden Ausgleich zwischen den Geschlechtern zu finden. Ein Hindernis dabei ist häufig auch ein ideologisches Selbstverständnis, was gleichfalls mit einer dümmlichen Weltsicht korreliert. Ideologie ist stets die Mutter der Dummheit, denn Ideologie ist zwingend dogmatisch, dass heißt sie legt durch ihre Dogmen fest, warum etwas ist, wie es ist, und erklärt nicht, wieso etwas so ist, wie es scheint zu sein.
Seit der französischen Revolution und der beginnenden Romantik veränderten sich die Rollenbilder der Geschlechter zur Moderne hin, indem die Frau im sich entfaltenden Bürgertum in ritterlicher Weise von der Unbill gleichwertigen Broterwerbs und Lebenserhaltung freigestellt wurde, während Männer eben diese Unbill ohne murren zu tragen hatten. Dieses Rollenbild hielt sich bis in die heutige Zeit, in der Frauen immer noch wie selbstverständlich die Wahl zwischen Arbeit und Hausfrauendasein haben. Selbst in ärmlichen, kleinbürgerlichen Verhältnissen hielt sich diese Sicht als unhinterfragbares Selbstverständnis; weshalb man nach wie zwar vor von der Doppelbelastung der Frau schwadroniert aber eine gleichwertige Belastung der Männer verneint, obgleich unzählige Studien in ermüdender Weise dieses dogmatische Vorurteil widerlegen. Männer haben somit kraft ihrer Existenz in diesem Rollenspiel die Arschkarte gezogen.
Dieser Umstand wird allerdings übersehen, so wie Männer mit ihren Problemen in der modernen westlichen Gesellschaft gemeinhin übersehen werden. Ihre Rolle ist es, wie es beim Gesellschaftstanz gefordert wird, die Frau zu präsentieren und strahlen zu lassen, während sie sie selbst mausgrau gekleidet übers Parkett führen. Folglich ist es für jeden Mann problematisch, gesellschaftlich bedingte gesundheitliche Probleme zu benennen und Abhilfe zu fordern. Allerdings können die meisten Männer – weil mausgrau konditioniert – gar nicht benennen, was ihnen fehlt und was sie belastet. Vor allem wenn es sich um seelische Nöte handelt, bleiben sie für gewöhnlich allein. Wollen sie derlei Not dennoch angehen, so finden sie kaum einen männlichen psychologischen Psychotherapeuten, da dieser Berufststand inzwischen zu 80 % verweiblicht ist.
Dieser Umstand wird vor allem dann bedeutend, wenn es um seelische Erkrankungen geht, die ursächlich eine geschlechtlich bedingte Komponente aufweisen. Das betrifft vor allem Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen und posttraumatische Belastungsstörungen. Hier die Ursachen für sich selbst respektive mit Hilfe eines Therapeuten zu erfassen, ist äußerst schwierig sobald es sich um Folgestörungen aufgrund weiblicher Täterschaft handelt; da derlei Ursachen unter einem Mokita, einem sozialen Schweigegebot liegen. Der Begriff Mokita meint: „Eine Wahrheit, die jeder kennt, aber keiner ausspricht.“ Hiervon sind vor allem sexuelle Übergriffe durch Frauen auf Männer und Knaben betroffen, deren Bewusstwerdung für die widerfahrene Missbrauchssituation grundsätzlich von zwei stehenden Vorurteilen eingeschränkt wird.
Das erste: „Frauen tun so etwas nicht“; und das zweite: „Männer können durch Frauen nicht sexuell missbraucht werden.“
Das erste Vorurteil kann eigentlich jeder Mann bestätigen, sofern er sich vor sich selbst ehrlich machen würde. Schließlich sind Frauen durchaus sexuell aggressiv und akzeptieren ein männliches Nein oft genug nicht als Nein. Das zweite Vorurteil ist eher juristisch relevant, denn in den meisten Ländern, fallen Vergewaltigungen durch Frauen strafrechtlich nicht unter einen entsprechenden Paragraphen, sondern werden wenn überhaupt eher als sexuelle Belästigung abgehandelt. In Deutschland wurde 2016 mit der Änderung des § 177 der Sachverhalt so weit präzisiert , dass auch Frauen für die Vergewaltigung eines Mannes verurteilt werden können. Rein technisch ist die Vergewaltigung eines Mannes durch eine Frau zweifelsfrei möglich. So wie Frauen während einer Vergewaltigung „funktionieren“, funktionieren auch Männer, selbst wenn sie nicht wollen oder gar sediert sind. Beide werden während dieser Verbrechen von ihrer Natur, ihren Körpern verraten! Was im nachhinein eine zusätzliche psychische Belastung bei der Verarbeitung der Traumafolgen zeitigt.
Die psychischen Folgen von Misshandlung und Missbrauch insbesondere ihr Erleben-müssen in Kindheit und Jugend sind für Männer insgesamt eher lebensgefährlich, und damit ein zwingender Teil der angemahnten notwendigen Verbesserung der psychischen Gesundheit von Männern im Movember. Schließlich sprechen nur die wenigsten Männer über ihre Missbrauchserfahrungen; selbst ihren Partnern gegenüber bleiben sie stumm. Die Folge ist, sie bleiben mit ihrem psychischen Leid allein und suchen sich wenn möglich Kompensation in erhöhten Lebensrisiken wie Extremsport, Raufereien oder Drogenmissbrauch. Zwei Drittel aller Suchtkranken sind männlich. Ein Drittel von ihnen wurden als Kind sexuell missbraucht. Die Hälfte aller männlichen Missbrauchsopfer berichtet von einer Frau als Täter. Nur jeder zehnte Suchtkranke überlebt die Folgen seines Drogenexzesses und wird dauerhaft clean. Nicht minder schlimm sind die suizidalen Folgen einer erlittenen Vergewaltigung für männliche Opfer. So berichtet Wikipedia:
„Die Selbstmordrate von Männern, die vergewaltigt wurden, liegt 14–15 mal höher als bei Männern, die keiner sexuellen Straftat zum Opfer gefallen sind. Viele der männlichen Betroffenen suchen sich erst Hilfe, nachdem sie bereits einen (oder mehrere) Selbstmordversuch(e) überlebt haben.“
Movember überlebender Männer
Mein Movember bedeutet für mich als Überlebender von Kindesmissbrauch und Drogensucht, mich weiter um meine seelische und körperliche Gesundheit zu sorgen. So fahre ich alle 14 Tage 100 km mit dem Zug zur Traumatherapie und besuche wöchentlich eine Suchtselbsthilfegruppe. In meiner letzten Therapiestunde rückte der Missbrauch durch die Mutter und die Übergriffigkeit von Frauen mir gegenüber einmal mehr in den Fokus. Nachstehende Skizze von der Stunde vermerkte ich in meinem Therapietagebuch.
Zu Beginn komme ich auf meine in letzter Zeit vermehrte Rührseligkeit zu sprechen, durch die mir bei banalen Filmszenen bereits die Tränen laufen. Dagmar meint, dass ich schon immer eine einfühlsame Seite hatte. Inzwischen ist mir dieser Zug nicht mehr so fremd, gleichwohl weiß ich noch nicht, wie ich ihn einordnen soll. So laufen die Tränen weiter und ich staune darüber, was mich so zu bewegen scheint.
In diesem Zusammenhang sinniere ich über Entwicklungsstörungen, schließlich war ich in meiner Persönlichkeitsentwicklung durch Verwahrlosung retardiert. Es fällt mir die Metapher vom Johannistrieb, der zweiten Blüte nach Blütenverlust durch späten Frost, ein. Hierbei blühen die Obstbäume, nachdem ihre Blüten erfroren waren um Sonnwend noch ein zweites Mal. Es kommt zu einer mageren Tracht. Unter Süchtigen ist derlei Nachreife, nachdem sie sauber werden konnten, bekannt. – Womöglich sind meine senilen (postinfantilen) Tränen auch Ausdruck einer solchen Nachreifung. M.R. will diesen Ball eher flach halten.
Somit reflektiere ich weiter über die späte Entwicklung meines Posttrauma, wie es sich mir als Phänomen so ganz anders darstellte, als ich mir Traumata zuvor gemeinhin vorgestellt hatte. Ich erinnere die Phase, in der sich in meiner Psyche noch keine PTBS entwickelt hatte, sondern ich „nur“ an Traumafolgestörungen litt. Sie bedingten letztlich meine späte zweite Berufswahl zum Schriftsteller, nach der ich zurückgezogen in meinem Arbeitszimmer ein Buch nach dem anderen verfasste. Es war eine Phase der Arbeitssucht, in der ich mich gut verbergen konnte, so dass die Fährnisse des Lebens mich nur selten wirklich tangierten. „Er“ schrieb ein Buch nach dem anderen, während ich sporadisch in meiner Mitwelt auftauchte und dabei hübsch auf Distanz blieb. Es war letztlich wie wiederholt erwähnt die Namensänderung, die ich zunächst als eine Nebensächlichkeit wähnte und unbekümmert beantragte, die sich aber in der Folge zu einem wahren Albtraum auswuchs. Als Metapher für diese Entwicklung assoziierte ich spontan die Morgendämmerung, die auch ganz allmählich mit einem hoffnungsstiftenden Silberstreif am Horizont beginnt, dann aber in eine längere Phase der Dämmerung übergeht, um schließlich mit der aufsteigenden Sonne die Hitze und den Tageslärm mit sich bringt und einen letztlich so überwältigt, dass man neben sich steht. Posttrauma ist eben nicht der schöne Tagesanbruch, wie ihn etwa Edvard Grieg mit der Morgenstimmung vertonte, sondern der aufsteigende Horror eines unbarmherzigen Wüstentages. Mit der beginnenden kPTBS trat die lange abgewendete Katastrophe in mein Leben, bedrängte meine Seele von allen Seiten, steigerte sich zu einem Inferno lebensbedrohlicher Verzweiflung und kreischender seelischer Not sowie zu einer Überempfindsamkeit, als hätte man mir die Haut vom Leib gezogen. Zu überleben war nur noch Schmerz, Angst, Verzweiflung und Aussichtslosigkeit.
Damit komme ich ein weiteres Mal auf die Schändung durch die Mutter zu sprechen. Wie sich auch hier ebenso wie während einer Morgendämmerung das akute Posttrauma allmählich Bahn brach. Ich erwähne, wie ich in den Gruppen erst sagte, ich hätte meine Mutter gefickt, dann dass sie mich fickte, um schließlich die Tatsache aussprechen zu können, dass sie mich vergewaltigt hatte. Dann ein Abriss der ganzen Entwicklung, beginnend vom ersten Übergriff, als sie mir fünfjährig ihre Scham und Vagina zeigte, bis hin zum eigentlichen Akt als sie mich den 15jährigen Burschen vergewaltigte. – Jetzt während der Aufzeichnung erinnere ich mich, dass ich M.R. diese Begebenheiten schon in der ersten Therapie erzählt hatte. Damals allerdings nicht mit solch drastischen Worten wie heute, wo ich, um das Monströse in seiner Bosheit treffender zu skizzieren, in den Dialekt verfiel und nicht wie einst mit knappen Sätzen, Andeutungen und flüchtigen Skizzen, den Abgrund nur umriss; ja, damals fehlten mir noch die Worte. Doch diesmal, heute, war ich voller Zorn darüber, mit welcher nachhaltigen Zielstrebigkeit die Mutter daran gewirkt hatte, mich zu ihrem Fucktoy zu machen. Und wieder könnte ich kotzen, wenn das nur etwas löste …
Meine Vergewaltigung durch die Mutter war nicht nur Seelenmord, sondern ein Anschlag auf mein Selbstverständnis und meine Männlichkeit – gerade weil der Akt ja auch meine Präsenz, mein Mitwirken voraussetzte, wie M.R. richtig bemerkte. Eben dieser Moment ist so zersetzend, er wirkt heute noch wie ein Säureanschlag auf meine Seele. Du wurdest … Nein ich!, wurde durch die Mutter derart manipuliert, dass ich mich über die natürliche Ekelschranke, die Inzest verhindert, indem nahe Verwandte einander nicht riechen können, hinwegsetzen konnte und funktionierte. Ein ebenfalls in seiner Familie missbrauchter Freund benannte die gegen sein Wollen irritierende funktionelle Präsenz: „Mein Körper hat mich verraten.“
Zuvor hatte ich erzählt, wie ich, als die Eltern noch in einem Zimmer mit Kochnische zur Untermiete wohnten, bei Wochenendbesuchen aus dem Waisenhaus mit der Mutter im gleichen Bett schlief. Sie beschmuste und betatschte mich dann und ich lag gegen die Wand und zupfte ihr die grauen Haare, und sie roch, roch für mich einfach unangenehm. Es war kein besonderer Duft, nur der süßliche Duft ihrer Weiblichkeit, ihrer Wärmer – er ekelte mich leise. Sie war mir zu nahe. Und immer wieder überschritt sie diese natürliche Inzestschranke, indem sie meinen Kopf anscheinend unverfänglich gegen ihre Scham drückte; nicht im Bett, aber in der kleinen Kochecke am Treppenabsatz. Ja, so veräußerte – entäußerte – sie meine Seele, so taten es die Tanten im Heim, die mich als Männchen-Püppchen, als Spielzeug sahen, so betatschte mich später als Lehrling eine Weinhändlerin; so missbrauchte mich über drei Jahre die 18 Jahre ältere Schwägerin – ich war Objekt, Objekt ihrer perversen Lust; junges Fleisch für weibliche Vampire.
Es war eine schauerliche gleichwohl heilsame Stunde. Es tat gut, den Aspekt der erlittenen Übergriffigkeit mit drastischen Worten zu schildern. Erstaunlich war, mit welcher Wut ich nach bald 70 Jahren noch darauf reagieren konnte. Wie viel Wut verbarg ich wohl damals unbewusst in mir? Nun, fast 20 Jahre aktive Sucht sind ebenfalls Teil dieser grausamen Erzählung. Der Drogenmissbrauch war gleichfalls Ausdruck dieses Wütens gegen mich. Es ist gut, dass jetzt dreizehn Jahre nach Therapiebeginn meine PTBS abklingt. Ich wurde hierdurch nicht wiederhergestellt, da war ja einst auch nichts geblieben, das man wieder wollte; ich wurde auch kein neuer Mensch, nein, durch die Therapie wurde ich nur befähigt, mit meiner Zerstörung und meinen Verletzungen umzugehen, eben zu überleben, ohne durch den Pesthauch des Verbrechens an mir dauerhaft eingeschränkt zu bleiben.