Trümmerbub – Ein Bericht aus der traumatherapeutischen Werkstatt

An sich blogge ich nicht über meine Traumatherapie, obwohl ich nach jeder Stunde mein Therapietagebuch fortsetze, das inzwischen nach mehr als 300 Stunden auf über 1500 Seiten angeschwollen ist. Doch in den letzten beiden Stunden veränderte sich etwas: Ich empfinde erstmals Zuversicht! – Sie ist eine seltsame Leichtigkeit …

Dollpunkt für meine Zuversicht war ein zweistündiges Gespräch mit der Therapeutin M.R. über fünf Bilder einer Reihe, die ich als Pentaptychon verstehe. Es sind fünf Haigas. Wobei die letzten beiden Haigas im nachfolgenden Tagebucheintrag erwähnt werden, weswegen ich sie beide hier mit ihren jeweils zugehörigem Senryū voranstelle.

Da das Durchlebte
Hier Meins, das was sich findet
Ganz werden sein Wunsch.
Bin als Echo erwacht.
Nur wer rief mich ins Leben?
Wo ich schon still war.

Eine Reflektion zum Wahnsinn der Welt, darin auch eine Nachdenklichkeit zur schwindenden Aufmerksamkeit gegenüber dem Kindesmissbrauch. Seit 2010 war das Thema vermehrt im Gespräch, doch zuletzt verlor sich das öffentliche Interesse, das ohnehin nur punktuell war, wenn gerade ein besonders eklatanter Missbrauchsfall bekannt wurde. Ja, so geht es mir … Zugleich eine Gelegenheit, den jüngst aufgeschnappten Begriff der Affektisolierung anzubringen, der zumindest einen Aspekt meiner Selbstverlorenheit umschreibt. So hatte ich über Jahrzehnte zwar Erinnerungen und Albträume zur traumatischen Vergangenheit jedoch keine Gefühle. Erst in der Therapie kamen allmählich unangenehme, ja bedrohliche und ekelige Empfindungen hoch die von mir gerade deswegen wohl unterdrückt worden waren. Erst in der Therapie begann ich zu weinen. Die ersten Tränen vergoss ich schon in der ersten Stunde, ich bloggte darüber; dazu verfasste ich das Senryū #99 und schrieb dazu folgende Zeilen:

„Meins weinte erst, als
Die Mutter, die mich fickte,
Ihren Scheiß erbrach.

Als es fertig war, sah ich, dass es stimmte. Es war so gewesen. Als ich 2011 am Tag, an dem ich von ihrem Tod erfuhr, in der Traumaambulanz des MPI vorsprach, weinte ich in der Tat zum ersten Mal in meinem Leben über meine Geschichte. Es flossen nur wenige Tränen, denn Scham und Schuld waren noch überwältigend und verboten mir Schmerz und Trauer, doch es war ein guter Anfang, in dem sich in mir ein neuer Raum öffnete.“

Das war quasi das „Wie geht es Ihnen“. Danach sprachen wir über die fünf Zeichnungen, die M.R. wieder vor mit auflegte, über die unbewusste Wandlung meiner Absicht, sie eigentlich alle schwarz zu malen; was misslang, da ich mit rotem Kopierstift den Schmerz hinzunehmen musste, um meinen Schrecken betont darzustellen. Dadurch wandelte sich das gewollte Pentaptychon in eine ganz andere Richtung. Jetzt stellt es einen Prozess der Wandlung dar und diesen viel anrührender, als wenn ich diese Folge bewusst komponiert gehabt wollen hätte. Auf Nachfrage zeige ich auf das vierte Bild der Reihe, das meiner gegenwärtigen Situation am ehesten entspricht. Ein starker schwarzer Riss geht durch das scheinbar in sich gekehrte und dennoch schreiende Gesicht. Es zeigt ebenso Trennung wie Sammlung; als würden sich zwei fremde Hälften zusammenfügen. Im Grunde ist es ein Moment des Annehmens meiner Dichotomie, deren beide Teile vereint an sich ein heiles Ganzes bilden sollten; jedoch erst im Annehmen verbinden sie sich. Dieser Ablauf ist im Bild angedeutet.

Das fünfte Bild, das mit dem Echo-Senryū, ist sehr kryptisch, M.R. entdeckt unter den schwarzen Linien gar eine Bewegung des Leidenden. Auch die an sich beschriebene Selbstverlorenheit stellt keine Passivität dar, sondern führt das Annehmen dadurch weiter, dass die Depersonalisation, das Secondhand-Live, als Fakt bejaht und somit angenommen wird, womit es erkannt seine Macht verloren hat und es zu einer Selbstermächtigung meinerseits kommt; ich werde zum Herr im eigenen Haus, zum Bewahrer meiner Seele und gewinne hierdurch Identität. Okay, das ist zwar nur eine Ableitung aus dem Bilderzyklus, doch es ist – ich spürte es – auch eine Einsicht im Sinne einer Ganzheit. Mal sehen, wie sich Meinerselbst dazu entwickelt.

Doch zurück zum vierten Bild, das für mich in dieser Sitzung das Schlüsselbild ist. Der Dichotome, als der ich durch die Welt lief; der schwer seelenverletzte Junge, der von Mal zu Mal zum Mr. Hyde wurde und sich unter Drogen in Abgründe stürzte. Hierbei begegneten mir immer wieder abgründige Gestalten, Menschen – ebenfalls schwer gestörte Seelen -, die mich verstanden, indem sie mich in sich erkannten und somit auch das Heile, den unverdorbenen Seelenkern in mir wahrnahmen, absonderliche wie ich, Freaks, die sich um mich sorgten, aber auch warnten. Aus bürgerlicher Sicht galten sie wie ich als Abschaum, ja wir standen unter der untersten Sprosse der sozialen Leiter, eben im Sumpf. „Geh nachhause, du gehörst nicht hierher“, hörte ich einige Male. Es waren ebenso Abgestürzte wie ich, die mir zum resilienten Anstoß wurden. In der Sicht auf mich, empfand ich mich damals dabei wie Parsifal, den ich mit acht Jahren im Waisenhaus gelesen hatte. Ich verstand das Buch nach meinem Vermögen und sah mich selbst als der Tor auf der Suche nach dem Gral. In jenen Momenten als Berber unter Berbern, als andere Geschundene sich um mein Heil sorgten, wähnte ich mich als dieser Tor wieder, der letztlich geführt wird. Gewiss, das ist kryptisch, mystisch aber letztlich passt der stereotype Plot von der Reise des Helden auch hierauf und ist doch nur eine kognitive Krücke, um das Grauen meiner traumatischen Vergangenheit, hinnehmbar, für mich selbst „konsumierbar“ zu machen.

Zwischendrin reflektierten wir über Heilen und Heil. Zwei Metaphern standen dabei zur Wahl, mein Blick galt dabei der gesamten Bildreihe vor mir. Das schmerzende Trauma aus mir reißen, oder es auseitern zu lassen? So oder so, die Wunde soll sich schließen. Den Abszess auseitern zu lassen, ist nicht mein Bild. Ich sehe mich im Pentaptychon eher als jener, der eine Schlange aus sich reißt. Nein, auch ein Häuten will nicht erkennen, denn hierbei fürchte ich, dass sich die Schlange nur häutet, um noch fetter zu werden. Auch hier wirkt die Selbstermächtigung als Impetus. Eine schöne Perspektive, denn wer sich selbst ermächtigt, ist vor allem und zu allererst ein Sich-selbst und kein Meinerselbst, wie ich mich bislang verstehe. – Jedenfalls habe ich das Gefühl, in dieser Stunde einen guten Schritt voran gemacht zu haben. Es stimmt mich zuversichtlich. Obgleich, auch das fiel mir bei der Korrektur des Textes auf, ich immer noch mit großer Distanz zu mir selbst davon berichte.