Hinweis: Bitte beachten Sie die Triggerwarnung oben über der Titelzeile.
Zu Beginn des Jahres erschien ein neues Buch von mir. In ihm sind über 300 Haiku – genauer gesagt Senryu – und 12 Haiga versammelt. Der Titel deutet das Thema an: Es geht um Kindesmissbrauch! Der Untertitel „Haiku und Haiga zum Überleben nach Kindesmissbrauch“ räumt jeden Zweifel aus. Ja, es ist, wie ich in einem Senryu formulierte:
Ein arges Buch zum
Harten Weg heil zu werden
Gülden die Narben
Der Weg zu diesem Buch war in der Tat arg. Nachdem ich den erlittenen Kindesmissbrauch durch die Mutter als auch durch den Vater – überschneidend mit 20 Jahren Drogenkonsum – knapp überlebt hatte (ich begann damals mit 11 Jahren regelmäßig Alkohol zu konsumieren), wurde ich fast dreißigjährig clean. Danach folgte eine Phase von beinahe 30 Jahren mit multiplen Traumafolgestörungen, ehe ich mit 58 Jahren eine Namensänderung beantragte, der ein Jahr später stattgegeben wurde. Danach gab es eine kurze Weile der Entspannung. In dieser angenehmen Weile dachte ich wirklich, ich hätte mit diesem Schritt auch einen endgültigen Schritt aus dem Schatten des Missbrauchs heraus getan. Doch die Entwicklung war eine andere. Durch die notgedrungene öffentliche Offenlegung meiner Schändung vor dem Standesamt und der mich vertretenden Anwaltskanzlei hatte ich mich gewissermaßen seelisch entblößt. Mein elendes Geheimnis kannte bis dahin außer mir nur meine Frau. Jedenfalls wurde durch den Prozess der Namensänderung etwas in meiner Seele losgetreten. Das anfängliche Empfinden von Gelöstheit verkehrte sich zunehmend, und es entwickelte sich eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung.
Am 1. August 2011 rief mich mein Bruder gegen ein Uhr morgens an. Das war für uns, da wir beide Nachteulen sind, keine ungewöhnliche Zeit. Wir plauderten über dies und das, schließlich fragte er mich: „Du weißt schon, dass deine Mutter gestorben ist?“ Ich antwortete ungerührt: „Jetzt weiß ich es.“ Sie war zu diesem Zeitpunkt schon vier Tage tot. Sie hatte einen schrecklichen Tod – sie erstickte an ihren Exkrementen, die ihr aus dem Schlund drückten. Manchmal denke ich, dass dieser Tod der Kinderschänderin angemessen war; dann aber korrigiere ich meine Denke wieder, denn es sterben leider auch Gerechte einen solchen Tod.
Wir sprachen dann noch über die Beisetzung und ob ich kommen würde. Ich verneinte. Zwei Tage später rief der Bruder wieder an und meinte, die Mutter wollte anonym verscharrt werden. Sei’s drum, jedenfalls wollte es die Fügung, dass ich gegen Mittag dieses ersten Augusttages meine erste probatorische Stunde im MPI für Psychiatrie zwecks Aufnahme in die Tagesklinik hatte. Da ich jedoch wegen meiner zum Stillstand gekommenen Drogenabhängigkeit keine Psychopharmaka nehme – was Voraussetzung für das Programm gewesen wäre –, wurde aus dieser Therapie nichts. Im Oktober 2011 begann ich in einem Ausbildungsinstitut für künftige Psychotherapeuten meine erste Traumatherapie.
Die Behandlung meiner PTBS währte mit Unterbrechungen in vier Therapien über 14 Jahre bis in den Herbst 2025 hinein. Es waren drei Therapeutinnen, die mich dabei begleiteten, da ich bei der vierten Therapie wieder von meiner ersten Therapeutin begleitet wurde. Zwischen den Wechseln hatte ich etliche probatorische Stunden bei mehr als zwei Dutzend Therapeuten. Somit vermag ich nach Dutzenden dieser Schnupperstunden das persönliche Fazit zu ziehen, dass gerade mal 10 % der Psychotherapeuten taugen. Eine Quote, die ich verallgemeinernd für realistisch halte. Übrigens waren bis auf einen alle Therapeuten weiblich, was inzwischen auch eine problematische Wirklichkeit ist, da männliche Klienten gerade bei so heiklen Themen wie sexuellem Missbrauch Schwierigkeiten haben.
Kurz und knapp, ein Senryu als bittere Pille
Während der 14 Jahre Traumatherapie hielt ich meine Entwicklung in Therapietagebüchern fest. Daneben entstanden Senryu, mit denen ich die Stimmungen festhielt, die durch den therapeutischen Prozess aufbrachen, wobei ich insgesamt durch die kPTBS auch psychosomatisch sehr gefordert war; schließlich drängte nach 30 Jahren der ganze Wahnsinn von Missbrauch, Misshandlung und Traumafolgestörungen – wie bei einer Überflutung aus dem Gully, durch den ich ihn durch Drogen aus meiner Seele gespült zu haben meinte – wieder nach oben. Dagegen bannte ich mit der knappen Lyrik der Senryu diese die Seele zersetzende emotionale Kraft. Anstatt weiter auszuufern, wurde sie so fokussiert und gleich einem Laserstrahl gebündelt, der die Follikel meines seelischen Untergrundes verödete, so dass die Mähne des Traumas, die mein gesamtes Sinnen verschattete, sich lichten konnte.
Senryu (gesprochen: sen-rüü) sind wie Haiku Kurzgedichte nach japanischer Tradition. Während das Haiku sich der Beschauung der Natur widmet, greift man mit dem Senryu alltägliche Situationen auf. Beide Gedichtformen bestehen aus 17 Silben, wobei in der ersten Zeile fünf, in der zweiten Zeile sieben und in der letzten Zeile wieder fünf Silben versammelt sind. Es wird nicht gereimt. Die beiden ersten Zeilen skizzieren einen Moment, während die letzte Zeile darüber möglichst resümiert, reagiert oder ihn konterkariert; so wie dies das Senryu am Anfang des Artikels zeigt. Daneben gibt es noch das Haiga, das ist ein Bild mit einem Haiku oder Senryu, wobei Bild und Haiku aufeinander bezogen sind.
In dem Buch sind 367 Senryu versammelt. Sie skizzieren zum Teil den Therapieverlauf oder zeigen traumatische Situationen meines Missbrauchserlebens auf. Welche Wucht sie haben und damit trotz langjähriger Therapie mein Posttrauma noch besitzt, zeigte mir der Entstehungsprozess des Buches, als ich mit einer Layouterin zusammenarbeitete und die Senryu korrigierte. Dazu musste ich sie mehrmals lesen und Vor- und Nachwort verfassen, was mich immens triggerte. In dieser Zeit litt ich extrem an psychosomatischen Störungen, da ich durch eine missbrauchsbedingte Depersonalisationsstörung die seelischen wie körperlichen Anzeichen dieses Stresses nicht wahrnehmen respektive einordnen konnte. Die Urtikaria blühte auf, zudem verstärkte sich das dyshidrotische Ekzem an beiden Händen, zudem eine massive Hyperkeratose beider Fußsohlen. Der Schwankschwindel verstärkte sich ebenso. Daneben hatte ich erhebliche Schlafstörungen, so schlief ich oft nur stundenweise über den Tag verteilt. Für meine Mitwelt auffällig waren auch meine anhaltenden Dissoziationen.
Die vorliegende Sammlung der Senryu wurde gleichwohl ein Kunstwerk als auch ein Schreckenswerk. Ich bloggte dazu bereits in meinem Blog „Sehen was ist“und übernehme daraus nachfolgend meine weiteren Betrachtungen zu diesem Thema.
Macht, Gewalt und Seelenmord
Schon als zehnjähriges Kind beobachtete ich, dass manche Erwachsene, sobald sie mit Kindern zu tun hatten, sich seltsam verhielten. Sie begannen zu schäkern und versuchten, sie anzufassen oder zu herzen, wo es weder Anlass zum Schäkern noch Grund zum Anfassen oder Herzen gab. Manche – zum Beispiel mein Vater – begannen gar zu sabbern und bekamen wächsern grinsende Grimassen. Später wusste ich es zu deuten: Sie waren sichtlich erregt von der Macht, die sie über die Kinder hatten.
Sexuelle Gewalt hat nur peripher etwas mit Sexualität im menschlichen Sinn zu tun. Bei Vergewaltigung und Kindesmissbrauch geht es im Wesentlichen um Macht und Gewalt. Macht ist ein mentales Aphrodisiakum. Macht macht „sexy“. Mächtige Männer wie Frauen wirken attraktiv, selbst wenn ihr Äußeres bescheiden ist. Wer Macht hat, muss nicht Gewalt anwenden, um etwas zu erreichen; doch Gewalt ist für ihn ein Mittel zum Zweck und zum Erhalt seiner Macht. Ausgeübte sexuelle Gewalt ist daher das Mittel, mit dem Mächtige ihre Libido steigern, und die höchste Lust ist dabei für jeden Machthungrigen, einen anderen Menschen zu beherrschen. Dieses Verlangen endet schlimmstenfalls in einem Krieg.
Gleichzeitig ist die Kehrseite der Macht die Zerstörung der Psyche des Unterworfenen. Ja, dieser Seelenmord ist vielfach das eigentliche geheime Ziel der Peiniger. Häufig endet derlei perverse psychische Manipulation mit dem Selbstmord des Missbrauchsopfers. Anstiftungen zum Suizid sind zudem ein weiteres Elend, das die zutiefst verdorbene Lust, Menschen zu manipulieren, pervertiert. Diese dunkle Seite unmenschlicher Beziehungen gab es übrigens auch schon vor dem Internet.
Traumabindung und gesellschaftliche Blindheit
Jedenfalls verursacht der massive Angriff durch sexuellen Missbrauch auf die seelische Verfassung und Integrität eines Kindes lebenslange Traumafolgestörungen, die vielfach in einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung münden. Hinzukommen – wie auch in meinem Fall – psychosomatisch bedingte und häufig chronische Erkrankungen. Zu den Traumafolgestörungen zählt auch die Traumabindung. Damit wird der irritierende Umstand bezeichnet, dass Missbrauchsopfer häufig eine intrikate seelische Bindung zu ihren Peinigern entwickeln, weil im Widerstreit zu ihrer erduldeten Qual ihr kindliches Bedürfnis nach Schutz und Zuneigung ungestillt blieb – ein Urverlangen, das sich das missbrauchte Kind zwar von seinem Peiniger ersehnte, aber nie erhielt. Hingegen wird sich ein geliebtes Kind nie wie ein ungeliebtes lebenslang nach der ihm versagten Liebe sehnen.
Welch subtiler seelischer Klebstoff Traumabindung ist, zeigt sich in der Grundforderung zu jeder Traumatherapie: „Keinen Täterkontakt“. Denn die Muster der Abhängigkeit lassen sich angesichts der psychischen Macht der Täter nicht lösen. Da saß die Mutter neben mir, legte ihre Hand offen auf meinen Oberschenkel und fixierte dazu meine Frau mit ihrem Blick, um zu ergründen, ob sie es denn wohl wüsste – was sie von unserem zweiten Tag an schon wusste. Doch anstatt aufzustehen und zu gehen, blieben wir sitzen, und ich dichtete Jahre später, als ich in einer Therapiestunde unsere beiderseitige Hilflosigkeit in diesem Augenblick erwähnte:
Am Bein, nah dem Schritt
Sanft wie fest der Mutter Hand
Macht den Sohn zum Mann.
Es ist für männliche Opfer von sexuellem Missbrauch generell sehr schwierig, geschehene sexuelle Übergriffe anderen erwachsenen Bezugspersonen mitzuteilen, da ihnen hierzu ein schematisches Narrativ fehlt; schließlich erfahren sie von Missbrauchsgeschehen allgemein nur im Kontext von Männern als Täter und Mädchen als Opfern. Dass Jungen missbraucht werden, wird gemeinhin nicht in Kitas und Grundschulen erwähnt, und erst recht nicht, dass hierbei Frauen – ja auch die eigene Mutter – Missbrauchstäterin sein können; das bleibt tabuisiert. Folglich fehlt hierzu auch jegliche gesellschaftliche Wahrnehmung, die derlei Verbrechen reflektiert und aus der heraus Schutzkonzepte für Opfer und Überlebende entwickelt werden könnten. Von daher schweigen auch die meisten in ihrer Kindheit sexuell missbrauchten Männer darüber, was Erwachsene an ihnen verbrochen hatten. Ja, sie schämen sich ihr Leben lang für das erlittene Verbrechen.
All diese Aspekte temperierten bezogen auf meinen erlittenen Missbrauch auch hintergründig die Therapiestunden. Ich thematisierte sie wiederholt, schließlich findet Kindesmissbrauch nicht im luftleeren Raum oder einem Lummerland statt, sondern inmitten gelebter Alltäglichkeit, mit Nachbarn, Bezugspersonen, Freunden, Verwandten und Bekannten. Dabei bleibt er verborgen – ein drückendes Geheimnis, das meist in Albträumen erwacht, ja so, als wollte die zersplitternde Seele die erlittene Schändung zu einem traumhaften Gespinst paraphrasieren, um sich die Illusion des Heilseins zu bewahren, um letztlich überleben zu können.
Mein Weg des Überlebens
Ich habe überlebt, habe mich nicht vor die einfahrende U-Bahn geworfen, sondern hatte bei meiner ersten Therapeutin einen Überlebensvertrag unterzeichnet, dass ich den letzten Ausweg nicht nehmen werde, sondern den zunehmenden Schmerz des Posttraumas erdulden und mit ihr aktiv weiter nach Linderung in mir suche. So entstanden diese Verse, indem ich und meine zersplitterte Seele begannen, mein Überleben nach dem Seelenmord zu besingen. Also verfasste ich bald nach Beginn der Therapie die ersten Senryu. Der erste Vers dieses Überlebensliedes umreißt den Bogen aus der Hölle zum Himmel, aus tiefster Nacht zum lieblichen Tag, vom Tod zum Leben, von Eos zu Nyx:
Eos bleicht die Nacht
Eine Seele verblutet
Feucht der Mutter Schoß.
So beginnt mein Lied vom Seelenmord. Es ist das Yin zum Yang; denn Eos, der Morgenstern, wird zum Zeichen, dass die Nacht vergeht, die ich immer wieder besinge, um mein Licht wieder zu entflammen und zu bewahren und so meine Seele wieder zu beleben. Es war ein langer Weg, und er endet im Fortschreiten in diesem Vers:
Gleichwohl blieb ich da
Verlor mich nicht an Drogen
Liebe, was mir blieb.
Es ist ein trauriges und dennoch ermutigendes Lied, das zugleich heilende Kraft mit sich trägt, das über vierzehn Jahre entstand. Ja, es ist ein Goldstück wahrer Resilienz. Mag es auch Sie bereichern, sofern Sie durch ein ähnliches Schicksal direkt oder indirekt betroffen sind oder gerade selbst durch eine Traumatherapie begleitet werden oder eine abgeschlossen haben. Ich wünsche Ihnen, dass diese Heilkraft, in Ihnen erwacht, Ihr Leben kräftigt und Sie ihm neuen Sinn verleihen.
Triggerwarnung
Gleichwohl möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die Sammlung der Verse in meinem Buch Überlebende von Kindesmissbrauch erheblich triggern und starke psychosomatische Reaktionen auslösen kann. Sollten Sie sich dieses Buch kaufen, lesen Sie es daher mit Bedacht und schonen Sie Ihr Gemüt, indem Sie es, wenn es nötig ist, auch mal zur Seite legen.
Die Daten & ein Link zum Buch:
Ein Lied vom Seelenmord
Haiku und Haiga zum Überleben nach Kindesmissbrauch
Matthias Mala
Band 1: Edition Resilienz
Hardcover
108 Seiten
ISBN-13: 9783695134328
Verlag: BoD – Books on Demand
