
Am Sonntagabend den 9. Februar wurde im Liebfrauendom in München ein Mahnmal „gegen das Vergessen des Missbrauchs“ enthüllt. Es trägt den bezeichnenden Titel „Heart“. Also Herz, nur wollte man es eben nicht Herz nennen, sondern Dinglish heart. Wohl weil es einfach cooler oder woker ist, ein geschändetes Kinderherz so zu nennen. Oder noch verdruckster wie treffender, hätte man es auch „Pumperl“ nennen können, eine ebenso zwiespältige Bezeichnung für Herz; schließlich steht Pumperl im bayerischen Dialekt auch für das weibliche Geschlechtsteil. „Seelentot“ wäre freilich gleichermaßen passend wie wahrhaftig gewesen; denn die Seele eines Kindes und damit sinnbildlich sein Herz als Hort seiner Seele wird von Kinderschändern gemordet. Aber so nahe wollten sich die frömmelnden „Seelenretter“ wohl nicht mit den Folgen ihrer Verbrechen, ihres institutionellen Kindesmissbrauchs beschäftigen. Also rückten sie einen herzförmigen Käfig an den Altar. Der stehe für Liebe, Empathie und Menschlichkeit im Miteinander, erläutert Richard Kick, seines Zeichens Vorsitzender des Betroffenenbeirats in der Erzdiözese München und Freising. – Drei Eigenschaften, die den Pädokriminellen in der katholischen Kirche fehlten. Nun sind sie auf wundersame Weise wieder da.
Irgendwann wedelte Kardinal Marx mit dem Weihwasserpinsel und weihte somit die herzergreifende, herzförmige Kunst des Münchner Künstlers Michael Pendry. Dazu gab es Tanz, Musik und leere, doch bedeutungsschwangere Worte. Eine Sängerin sang klagend: „Wer gab Euch das Recht, unsere Körper zu schänden?“ Wer immer auch das „Euch“ sein sollte, persönlich war es sicher nicht gemeint. Zudem wurden und werden bei einem Verbrechen des Kindesmissbrauchs nicht nur die Körper geschändet, sondern auch die Seelen der missbrauchten Kinder erdrosselt. Deshalb sprechen viele Betroffene auch von Seelenmord und verstehen sich als Überlebende einer die ganze Person erfassenden komplexen Schändung, ja die Vernichtung deren kindlicher Lebendigkeit.
Nun steht also die 60 Zentimeter hohe Skulptur bis Ostern auf dem Altar des Doms und wird danach dauerhaft in die Krypta verrückt. Dort ruht dann die Aufarbeitung von Kindesmissbrauch in der Erzdiözese bei den Gebeinen der hingeschiedenen Kardinäle, die alle vom Missbrauch in ihrer Kirche wussten, aber sich an das sprachlose Gesetz des Mokita hielten, was bedeutet: etwas, von dem jeder weiß, worüber aber niemand spricht -.
„Wer heilt die zerbrochenen Herzen?“, lautet zudem die tiefsinnige Inschrift auf der Skulptur. Doch sofern man die Unwilligkeit der Kirche erinnert, sich mit dem seit ihrem Bestehen in ihr gepflogenen Kindesmissbrauch auseinanderzusetzen, fehlt dieser Inschrift jede Sinnhaftigkeit und sie wird zur blanken Heuchelei. Ich erwähne hier nur ihre bis ins letzte Jahrhundert währende Tradition, sich am Kastratengesang zu delektieren, wofür Sängerknaben vor erreichen ihres Stimmbruch die Hoden weggemessert wurden. Die, die diese „Operationen“ überlebten, bewahrten dann, sofern sie Glück hatten, ihre hohe Knabenstimme und wurden in die Kirchenchöre aufgenommen. Wie wenig sich die Kirche tatsächlich für das Leiden der Menschen, die als Kinder von Priestern, Mönchen und Nonnen missbraucht wurden, interessiert, sieht man, an den mickrigen Entschädigungsleistungen für Missbrauchsopfer.
So sagte Kardinal Reinhard Marx bei der Enthüllung des Gitterherzens, – das ebensogut einen Seelenknast symbolisieren könnte:
„Die vergangenen 15 Jahre seit Bekanntwerden des Missbrauchsskandals seien für ihn ein Weg der Befreiung gewesen, von der Angst, wirklich die ganze Wahrheit anzuschauen; und dies werde weitergehen. Er habe, bekannte der Kardinal, einen neuen Blick auf seinen Glauben und die Realität der Kirche bekommen. Nur die Wahrheit mache letztlich frei. Dieser Weg sei für die Betroffenen ein schwieriger, aber für die Kirche ein heilsamer.“ (Zitat domradio.de)
Ich war bei der Enthüllung nicht zugegen, doch ich nehme an, dass er bei diesem Schwurbel ob seiner institutionellen Vergesslichkeit und persönlichen Hybris nicht verschämt errötete.
Jedenfalls ist der Missbrauchsskandal nicht erst seit 15 Jahren bekannt, sondern er wird in den sozialen Medien schon länger diskutiert. Zudem berichteten Zeitungen seit über 100 Jahren immer wieder über Missbrauchsfälle durch kirchliches Personal. 1998 deckte der Journalist Andreas Huckele den Missbrauchsskandal in der Odenwaldschule auf. 1999 berichtete die Frankfurter Rundschau umfassend darüber, nur das öffentliche Interesse blieb aus. Erst im Zuge der Aufregung um die Missbrauchsaufdeckung am Canisius-Kolleg 2010 veröffentlichte die FR den Bericht von Andreas Huckele erneut und erreichte umfassende mediale Beachtung. Kindesmissbrauch in den Kirchen und ihren Institutionen ist seitdem ein fortwährend skandalöses Thema. Gleichzeitig war die Indolenz der Kirchen – im Sinne von Gleichgültigkeit gegenüber dem Schmerz der durch sie geschändeten Kinder – atemberaubend dreist. Die Opfer wurden diskreditiert, verleumdet und ihre berechtigten Forderungen nach Offenlegung und einer materiellen Entschädigung für ein durch die erlittenen Verbrechen eingeschränkten Überlebens verhöhnt. Kirchliche Aufarbeitung beschränkte sich vielfach in Vergebungsbettelei – sprich einer aggressiven Forderung nach Vergebung -, womit die Geistlichkeit den überlebenden Opfern erneut in arroganter, demütigender Weise zu nahe trat. Keines von den in ihrer Religion angelegten Sühneritualen vollzogen die Kirchen. Die vergangenen 15 Jahre Herr Kardinal Marx – Eure Eminenz – waren kein Weg der Befreiung, wie Sie sagen, sondern eine Belagerung der Wagenburg, in die Sie sich und beide Kirchen vor den Überlebenden Ihrer Schandtaten zurückgezogen hatten.
Und nun stiftete die Kirche ein Herzgebilde aus kantigem Eisen mit Goldtonpulver bestäubt und gebrannt. Ein Talmiherz. Ein Schema von Herz, dem nicht mal eine schematische Tat an Gerechtigkeit unterlegt wurde. Alles nur Talmi. Nur wertlose Oberfläche und versteckt in der Krypta bei den schweigenden Mitwissern kirchlichen Kindesmissbrauchs. Die beiden Kirchen offenbarten im Versuch der Aufdeckung ihren verkommenen heuchlerischen Charakter. Zum Aschermittwoch der Künstler war ich einige Male im Dom dabei, wo jetzt die Skulptur gegen das Vergessen des Missbrauchs steht, und hörte aus dem Munde seiner Eminenz Jesus Worte wider die Heuchler.
Heuchler wollen von den Menschen gesehen werden wenn sie Almosen geben und lassen dies sogar noch ankündigen (Mt 6,2). Sie beten auch gern in der Öffentlichkeit (Mt 6,5) und lassen deutlich erkennen, wenn sie fasten (Mt 6,16). Äußerlich erscheinen sie ansehnlich und gerecht, innen sind sie aber voller Unrat (Mt 23,27-30). Ein Heuchler sieht nicht den Balken im eigenen Auge, erkennt aber den Splitter im Auge seines Nächsten (Mt 7,5; Lk 6,42) Heuchler geben sich gern mit Kleinigkeiten ab, vernachlässigen aber die wichtigeren Forderungen des Gesetzes (Mt 23,23.25).
Ja, mit der vermeintlichen Herzskulptur „Seelenknast“ und nicht „Heart“ haben Sie, Herr Kardinal Marx, Ihrer und der Kirchen Heuchelei ein angemessenes Zeichen gesetzt. Kein Überlebender des von Ihre Kirche zu verantwortenden Kindesmissbrauchs erhält dadurch Genugtuung, außer Ihnen und Ihrer Institution.
Link: Artikel der OVB Heimatzeitungen zur Enthüllung Skulptur