Das ursprüngliche Heart war fünf mal fünf Meter groß. Aus PVC- und Stahlröhren gefertigt, vagabundierte es ab 2016 um die Welt; von Jerusalem bis San Francisco wurde es in Kirchen oder davor errichtet (siehe Link). Das im Liebfrauendom präsentierte Herz ist wesentlich kleiner. Das erste Exemplar davon legte übrigens ebenfalls einen langen mühseligen Weg zurück. Vom 6. bis 17. Mai 2023 radelte eine kleine Gruppe von überlebenden Missbrauchsopfern von München nach Rom, um Papst Franziskus das fragile Herz als Mahnmal zu überreichen. Inzwischen wurde ein zweite Version des Herzens in München enthüllt. Ich bloggte im Artikel davor darüber.
Vor ein paar Tagen war ich schließlich im Liebfrauendom und sah mir an, was Kardinal Marx für ein Mahnmal hält. Meine Vorurteile fanden Bestätigung. Das „Heart“ ist unbedeutend. Es ist kein Mahnmal. Die katholische Kirche versteckt es nach Ostern wohlbedacht in der Krypta des Doms. Neben der Skulptur … Nein, eine Skulptur ist das nicht. Es ist ein fragiler Staubfänger, es besitzt keine Aura, keine Wucht, keine Beziehung zu dem, auf was es vermeintlich bezogen ist: zu Kindesmissbrauch, zu Vergewaltigungen von Knaben und Mädchen durch Priester, durch Vertrauenspersonen in der Jugendarbeit, zu den Sexualverbrechen an Kindern und Jugendlichen, die daraufhin ihr Leben verloren und, falls sie es für sich mühsam wiederfinden konnten, schwerst traumatisiert blieben. Es ist ohne Bezug zu Überlebenden, deren wirtschaftliche Existenz durch die Verbrechen der kirchlichen Mitarbeiter erheblich beeinträchtigt wurde, die hierfür keinen Ausgleich erhielten, die aber seit dem erlittenen Missbrauch seelisch verkümmert sind. Dieser Bezug ist in dem Gitterwerk, dem Seelenknast, in keiner Weise erkennbar, das Herz könnte ebensogut als Hintergrund in einer Animierbar herhalten oder als Logo für eine Rehabilitationsklinik. Der aktuelle Bezug war auch nie die ursprüngliche Intention des Künstlers Michael Pendry.
Überlebende von Kindesmissbrauch aus der Diözese entdeckten das Herz für sich. Dementsprechend bemühte sich der Sprecher des „unabhängigen“ Betroffenenbeirats der Diözese München-Freising Richard Kick, einen Bezug zu konstruieren. Seine Worte sind als erläuternde Tafel neben dem Bildwerk zu lesen:
Wer heilt die gebrochenen Herzen? (nach Psalm 147,3)
– Gegen das Vergessen des Missbrauchs in der Katholischen Kirche –
Das Herz steht für Liebe, Empathie und Menschlichkeit im Miteinander.
Ohne Liebe kein Leben, Es symbolisiert Nähe und Vertrautheit.
Das Kunstwerk zeigt die Verletzlichkeit, Fragilität und Erstarrtheit der Herzen von Missbrauchten und Geschändeten, Die Taten haben die Lebendigkeit und das Vertrauen geraubt.Das Kunstwerk zeigt die Verletzlichkeit, Fragilität und Erstarrtheit der Herzen von Missbrauchten und Geschändeten, Die Taten haben die Lebendigkeit und das Vertrauen geraubt.
Das goldene, strahlende Leuchten der Skulptur weist uns den Weg zu Glaube, Liebe, Zuversicht und Heilung.
Richard Kick
Heart – eine Skulptur des Münchner Künstlers Michael Pendry (*1974)
(Der Wortlaut des Psalms 147,3: „Er heilt die gebrochenen Herzen und verbindet ihre schmerzenden Wunden.“)

Meine Anmerkungen dazu:
1. Ich habe das Attribut „unabhängig“ beim Betroffenenbeirat in Anführungszeichen gesetzt, da es keinen kirchlichen Betroffenenbeirat geben kann, der unabhängig von seiner Kirche ist. Es besteht allein durch seinen Bezug eine Abhängigkeit, die letztlich auch auf das Selbstverständnis seiner Entscheidungen wirkt. Die moderate Erläuterung zum Heart des Sprechers des Betroffenenbeirats zeigt bereits die klandestine Rücksichtnahme und damit eine subtile Abhängigkeit von der Täterorganisation Kirche
2. Die Abhängigkeit zur Kirche zeigt sich bereits in der Abänderung des Psalms zu einer scheinbar unbestimmten Frage. Denn die Antwort: „Gott heilt sie,“ ist dem gesamten Arrangement immanent. Insofern bleibt die Frage rhetorisch und folgt der Intention der Kirche von Aufarbeitung: Um Vergebung betteln und zugleich Distanz zur eigenen Verantwortlichkeit herstellen. So befand bereits Papst Franz als den Urgrund für Kindesmissbrauch die Gestalt des Teufels. Am 24. Februar 2019 erklärte er zum viertägigen „Missbrauchsgipfel“ im Vatikan: „In den Missbräuchen sehen wir die Hand des Bösen, das nicht einmal die Unschuld der Kinder verschont.“
Der Teufel also hat sich die Kinderschänder in der Kirche zu seinem Werkzeug gemacht und die armen vergewaltigten Kinder sind Opfer des Satans ‑ oder kann man gar sagen „satanische Opfer“ ‑ und somit Opfer eines Afterkultes, wie ihn manche Weltverschwörer und Psychologen, wie etwa die mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Psychotherapeutin Michaela Huber im Konzert mit der UBSKM (Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs) behaupten.
3. Liebe, Empathie und Menschlichkeit im Miteinander symbolisiere das Herz neben Vertrautheit und Nähe. Solange man Vertrautheit und Nähe als Code für Aufdringlichkeit, Übergriffigkeit, Bedrängung und sexuellen Missbrauch verstehen könnte, wäre dies als Mahnung angebracht, doch so bleibt es den geschehenen Missbrauch verkleisternde Gefühlsduselei. Die erwünschte Anbiederung der Opfer an ihre Täter ist Traumabindung (Erklärung siehe Link) und somit Ausdruck der nachhaltigen Traumatisierung; im Grunde wird ungewollt, weil für beide Seiten unbewusst, die abgrundtiefe und verinnerlichte Verachtung der Täter gegenüber den Opfern, sowie die rückbezügliche Unterwerfung der Opfer unter ihre Peiniger angesprochen.
In dieser Weise zeigt die Kirche ihre ganze Schändlichkeit gegenüber den Opfern ihrer Sexualverbrechen. Anstatt den Opfern eine umfassende Traumatherapie bei erfahrenen Traumatherapeuten nahe ihrer Wohnorte anzubieten, demütigt sie sie mit Firlefanz und Schwurbel, was die Überlebenden gar dankbar annehmen, fühlen sie sich doch so erstmals durch ihre Täter respektiert. Es ist eine perverse Instrumentalisierung der Seelennöte. Es gibt verschiedene Feature im Bayerischen Rundfunk wo Überlebende mit eben diesem „Heart“ auf der Brust ihres T-Shirts mit Tränen in den Augen zu sehen sind, weil sie der erlittene Schmerz erneut triggert. In diesen Augenblicken lässt sich das Leid erahnen, dem sie letztlich bis heute achselzuckend ausgesetzt waren und sind; denn von der Kirche kommt so gut wie nichts. Da darf sich Richard Nick von Kardinal Marx vor der Kamera knuddeln lassen, doch das entschädigt kein Leben im Schatten einer durch Kindesmissbrauch verdüsterten Seele.
4. Es gab einen Moment, in dem der „Missbrauchsbeauftragte“ der katholischen Kirche Bischof Ackermann Entschädigungszahlungen von 300.000 bis 400.000 € ankündigte. Das war vor sechs Jahren 2019 bis 2020 (siehe Link). Doch dann rückte der Vorschlag wieder aus dem Blickfeld und geriet 2022 mit dem Rücktritt Ackermanns von seiner Funktion in der Versenkung. Dabei wäre ein Leistung von 400.000 € eine angemessene Entschädigung für die materiellen Folgen des Kindesmissbrauchs; denn die meisten Überlebenden hatten aufgrund der seelischen Belastungen häufig nur eine eingeschränkte Ausbildung beziehungsweise vermochten wegen der Traumfolgen ihre Talente nur selten auszubilden und umzusetzen.
„Die Taten haben die Lebendigkeit und das Vertrauen in das Leben geraubt.“ Dies ist für mich eine Diminuierung der Folgen der erlittenen Verbrechen. Allein die Begrifflichkeit „die Taten“ ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer. Die Taten sind – und man kann sie nicht oft genug aufzählen und benennen – schwerste Sexualverbrechen und Misshandlungen (siehe Link). Mit ihnen gingen lebenslange körperliche Verletzungen einher. Nicht minder waren die seelischen Verletzungen. Jahrzehntelange Alpträume, unheilbare Angstzustände, lebenslange Gemütserkrankungen und Suizide sind die Folgen der „Taten“. Die Täter hingegen erlebten allenfalls Versetzung und einen behaglichen Lebensabend. Kaum einer der klerikalen Kinderschänder wurde strafrechtlich verfolgt, und die wenigsten von ihnen erhielten eine Freiheitsstrafe.
5. Zur behaupteten Fragilität des Gitters, die gleichsam die Zerbrechlichkeit, Verletzlichkeit und Erstarrtheit der Herzen der Geschändeten zeigen soll, frage ich mich, was der Betroffenenbeirat damit meinte. Meinte er die Herzen der Kinder vor der Tat, die Herzen der Opfer, oder dachte er an die Herzen der Überlebenden nach der Tat, die ihr Leben fortan mit der Last der Traumafolgen oder gar mit der schweren Behinderung eines posttraumatischen Belastungssyndrom (PTBS) fristen müssen. Jedenfalls meinte er gewiss eine seelische Belastung, von der die Mitglieder des Beirats allesamt sichtlich betroffen sind, eine Belastung die womöglich Kardinal Marx als einer der wenigen in seiner Kirche auch erahnen kann – ja, ich nehme ihm seine bekundete Betroffenheit ab; jedoch mit- oder nachempfinden vermag er sie nicht. Das kann nur, wem ähnliches widerfuhr. Dahingehend bleibt Heart nur ein Seelenknast, ein gittriges Gespinst, in dem sich Seelenreste verfangen mögen und das bei leichtem Perspektivwechsel nicht mehr Herz ist, sondern verwirrendes Goldgestänge, welches sich mit jedem Wechsel des Blickwinkel verändert, mal wie ein Architekturmodell wirkt und mal nur wie ein unsinniges Gewürfel anmutet. So bleibt es seinem Thema aufgesetzt.
6. Die letzte Zeile verrät wieder die Traumabindung, die das Missbrauchsopfer mit unglaublicher innerer psychischer Macht an den Täter bindet, indem es sich zu ihm nach dem erlittenen Trauma gefällig verhält. Ganz im christlichen Sinne wird als Weg der „Heilung“ Glaube, Liebe und Zuversicht aufgezählt. Dahinter verbirgt sich die altbekannte, verlogene kirchliche Leier von Vergebung. Die Opfer werden um Gnade und Vergebung angebettelt, damit ihre Schänder ihren Seelenfrieden finden, frei nach dem bösartigen und häufig späten Suizid auslösenden Motto: „Es war ja nicht so schlimm, und irgendwie, gib‘s zu, hat es dir ja auch gefallen“.
Bekenntnis, Reue und Buße in Form von Strafe und Entschädigung werden so umschifft und zu Seelenstaub zermahlen, der durch das Gitter des Seelenknastes, dem „Heart“, geblasen wird. So erspart sich die ehrenwerte, frömmelnde Gesellschaft, die Täterorganisation Kirche den gesellschaftlichen Schandpfahl und schont ihr Milliardenvermögen um Millionen. Ja, die Kirchen sind so schamlos, so abgebrüht, so indolent, dass sie bislang immer nur auf enormen gesellschaftlichen Druck mit der „Aufarbeitung“ begannen und nach einer niederträchtigen Bezichtigung ihrer Opfer diese schließlich als „Gesprächspartner“ akzeptierten. So zwangen sie sie zur Bescheidenheit und beugten sie, auf dass sie sich ihrem Diktat unterwarfen.
7. Fragmentierte Herzen sind durch sexuellen Missbrauch zerbrochene und zersplitterte Seelen von Kindern und Jugendlichen, die vielfach erst spät als Erwachsene schwer posttraumatisiert zu sich finden, sofern sie nicht vorher durch Suizid, Drogen oder Krankheit gestorben sind. In Deutschland werden Jahr für Jahr rund 15.000 Fälle von Kindesmissbrauch angezeigt. Die Dunkelziffer dürfte doppelt bis dreifach so hoch liegen, dagegen sind die Missbrauchsfälle in den Kirchen marginal. Gleichwohl ist jeder Fall ein Fall zuviel. Missbrauch wird in den Familien noch mehr als in den Kirchen bemäntelt, verschwiegen und geleugnet. Die meisten Überlebenden finden in ihren Familien keinen Rückhalt, sondern werden als verrückte Nestbeschmutzer und Lügner ausgegrenzt. Für sie wird kein Herz vergoldet oder irgendein Schadenersatz geboten. Sie bleiben allein. Vor allem bleiben sie gleich den Missbrauchsopfern in den Kirchen von der Politik verlassen. Außer in Sonntagsreden schert sich kaum jemand um sie.
Gut, es gibt den Posten des UBSKM, derzeit vertreten durch Kerstin Claus, doch auch sie ist eher Berichterstatterin als eine beachtliche politische Größe gegen die Verbrechen der Kinderschänder. Zudem waren die bislang drei UBSKM, nachdem ihr Amt 2011 installiert wurde, in ihrer Wirkung doch recht beschränkt. Ich begleitete ihr Wirken kritisch, schließlich waren sie bislang nach meiner Auffassung eher Partner der Täterorganisationen, als dass sie ihr Amt als Schutzauftrag für Kinder und der Fürsorge für Überlebende verstanden. So versteht sich die jetzige UBSKM unter anderem als Patronin von Weltverschwörern, die als Psychotherapeuten ihrem Klientel gegen vermeintliche Satanisten in krimineller Weise rituellen Missbrauch induzieren. Darüber bloggte ich verschiedentlich.
Zudem senkte die Politik nach einem nur zweijährigen Versuch im letzten Jahr wieder die Strafen für Kindesmissbrauch respektive Kinderpornografie, was insbesondere den Missbrauch von Kindern durch gleichaltrige Täter betrifft. Es sind einfach zu viele Jugendliche, die andere Jugendliche durch erschlichene oder erzwungene Bilddokumente in den sozialen Medien diskreditieren; sprich mit jedem dieser Bilder oder Videos ist ein krimineller Akt verbunden. Hier hat die Politik sich und die Kinder im Land aufgegeben; so wie sie auch durch ihre Weigerung, die Aufarbeitung der Missbrauchsverbrechen im klerikalen Bereich selbst zu verfolgen, sondern das den Kirchen zu überlassen, auch die Überlebenden verraten hat. – Die Kirchen und Moscheen danken es der Politik mit Wohlgefallen.


