Mich in mir selbst vereinen – Ein weiterer Schritt zur Überwindung meiner Depersonalisationsstörung

In der aktuellen Traumatherapie befassen wir uns weiterhin mit meiner Depersonalisationsstörung. Die letzte Stunde Anfang dieses Monats war sehr intensiv, denn es ging hierbei, um die innere Wahrnehmung von meinerselbst. Das war ein anstrengender, weil konzentrierter Vorgang, bei dem das präzise Skizzieren des inneren Zusammenspiels von Meinerselbst bedeutsam ist. Von daher ist auch meine Skizze dieser Stunde kein leichter Text, sondern verlangt für seine Rezeption entsprechende Aufmerksamkeit. Ich füge meine Notiz der Stunde diesem Blog bei, da ich weiß, dass Depersonalisationsstörungen mit ein Phänomen schwerer seelischer Traumatisierung ist, und die Überwindung der Ich-Entfremdung in der psychotherapeutischen Praxis nur selten qualifiziert begleitet werden kann.

2. September 2024

In dieser Stunde konzentrierten wir uns auf die Beziehung, Verbindung, Auseinandersetzung zwischen „Ich“ und „Er“. Inwieweit sich die beiden inkongruenten Teile in mir über die Ferien aufeinander zubewegten, nachdem es ja zuvor einen Ansatz dazu gab, musste ich mit „unbestimmt“ antworten, jedenfalls bemerkte ich hierzu wenig. Indes erwähnte ich, dass Dagmar in dieser Zeit vermehrt beklagte, dass ich ihr so fern, so wenig fassbar wäre. Sie empfinde mich dann, als sei ich nicht da, schlicht entrückt. Es wäre da, wo ich sei, zugleich auch eine große Leere. Eine Beobachtung von ihr, der ich selbst hilflos gegenüber stand, denn einerseits fand ich mich selbst entrückt und wähnte deshalb gegenüber M.R., womöglich rege sich da meine Dysthymie; sie fragte nach, doch da waren keine Auffälligkeiten, also konzentrierte sie sich wieder auf die Spannung zwischen „Ich“ und „“Er““ und inwieweit ich mich denn präsent fühlen würde.

Das ist schwer zu benennen. Während einer reflektierten Kommunikation empfinde ich Präsenz eher als ein Wechselspiel zwischen „Ich“, das spricht, und „Er“, der reflektiert und kontrolliert. Während ich darüber spreche, blicke ich auf die Hammerglasscheiben der Fenster. „Ich“ erinnere mich, wie ich ebenso zuletzt beim Psychiater in der Sprechstunde sprach, meinen Blick in die Ferne über die Dächer der Stadt gerichtet. In dieser Weise war und ist es mir möglich, als komplette Person von mir zu sprechen, ohne den steten Schatten von „Er“ zu beleben. Spreche ich indes direkt von Antlitz zu Antlitz über mich, trenne ich mich recht schnell, weil ich gleichzeitig die Reaktionen meines Gegenübers reflektierend als auch mich selbst darauf reagierend und korrigierend erfasse. In dieser Weise plaudere oder kommuniziere ich zwar, erkläre mich jedoch nicht und empfinde mich dabei alles andere als komplett.

„Ich“ versuche zu erklären, wie ich mich empfinde, wenn ich so am Gesprächspartner vorbei in die Ferne spreche. Es ist als spräche ich aus einem Raum heraus, der wie eine kristallisierende Blase meinen Hinterkopf gleich toupiertem Haar umspielt. Sollte ich mein „Ich“ orten, würde ich es jedenfalls dort wähnen. Nachgefragt, empfinde ich es auch häufig so, als spräche ich aus mir, in mich hinein; nicht wie ein Selbstgespräch, sondern als würde ich mich im Spiegel lesen. „Ich“ bleibe dabei selbstreflektiert und spürbar in zwei Dimensionen als Erzähler meinerselbst oder Erzähler meiner Gedanken. Ja, es scheint so, als würde sich mein Selbst selbst beobachten, als befände ich mich in zwei Dimensionen, die durch Kommunikation eine weitere Dimension bilden, die an sich ich ist. Wieder einmal spüre ich in der Beschreibung dieser inneren Kommunikation Meinerselbst, das dieser Prozess „Ich“ ist und gleichzeitig das Gespräch in mir ein eigener Raum ist; eben „Ich“ und nicht zwei; „Ich“ als Einheit diverser und gleichwohl komplex verbundener Wahrnehmung – was als Phänomen womöglich das Komplettsein sein könnte, das ich anstrebe. Schließlich sucht ja mit Beginn der PTBS der Zertrümmerte, der nie Komplette nach dem kompletten in sich. Also eigentlich ein Irrender und kein Suchender, denn suchen kann ich nur nach dem Verlorenen, und das ist stets Bekanntes. Demnach müsste ich ja wissen, was komplett ist. Doch hier ahnt sich was, erkennt sich was, findet etwas zueinander, das sich bislang fremd war, das eben zwei, drei oder mehr Räume war, die in ihrer komplexen Anordnung und Struktur die Person bildeten, wobei dahinter verloren das Kind geblieben ist, das sich schon früh in sich zurückgezogen hatte, um zu überleben, und eben diese Aspekte, Funktionen und Rollen ausbildete, um für seine Mitwelt erkennbar und präsent zu sein. – An sich bereits ein lebendiger Albtraum, verloren in einem Labyrinth aus Kammern.

M.R. bringt als mögliche Ebene für ein umfassendes Selbstverständnis das Moment vom Hier und Jetzt hinzu. Ein gefährliches Moment befinde ich, da es durch esoterischen Schwurbel längst zur Beliebigkeit verkommen ist. Dennoch versuche ich, es aufzunehmen. Schließlich führt die Haltung zu bewusster Gegenwärtigkeit meines Erachtens auch dazu, dass sich im Fokus vollkommenen Hierseins, das Ego auflöst – so jedenfalls die Absicht der Propagandisten dieser Haltung – und womit sich das „Ich“, das ich in mir mit mir vereinen möchte, abermals verlöre. Ein Wirken ob dem ich in den frühen 80er Jahren – gerade clean geworden – bei meiner Auseinandersetzung mit Krishnamurti beinahe den Verstand verloren hätte. „Ich“ legte diese bewusste und totale Hinwendung ans Hiersein damals zur Seite, weil ich fürchtete, dass ich das mich Belebende verlieren könnte. Jedenfalls empfand ich mich damals als zunehmend fragil werdend und meinerselbst verlierend. In diesem Zusammenhang fallen mir die verklärten Gesichter von Sektierern, die einen Teil ihrer Persönlichkeit selbst amputiert und gegen Gewissheit getauscht haben.

In für mich typischer Weise mäanderte ich und zog eine Schleife weiter. – Welch großartiger Satz! Lebt doch in diesem Umstand eine starke Persönlichkeit, ein starkes „Ich“ – von dem ich zudem weiß und dennoch meine Depersonalisation nicht zu überwinden vermag … also eine Schleife weiter, womit ich auch meine Absencen ‑ die Dagmar beklagt, weil ich ihr darin so fremd, unfassbar und abwesend erscheine ‑ erneut erwähne, denn hierbei wirkt um mich die helle Sphäre von Hier und Jetzt. „Ich“ bin in diesen Phasen nicht nur verträumt, sondern sehe und höre anders, nämlich „umfassend selektiv“. „Ich“ sehe neben Flora und Fauna Dinge von eigener Schönheit, so etwa im Freibad, die Bewegung der rhythmisch gewinkelten Arme der Schwimmer, die im Gleichtakt ins Wasser stechen. Von daher weise ich meine Mitwelt immer wieder auf Momente der Schönheit, an denen sie sonst achtlos vorübergingen, und dennoch merke ich häufig, wie sie trotz meines Hinweises achtlos bleiben. Sie sind wohl durch Gedankenmühlen, Händi und Ohrlautsprecher abgelenkt beziehungsweise tatsächlich abgestöpselt. Für mich aber sind das jene raren Momente, in denen ich mich komplett empfinde – ein stilles Heilsein. „Ich“ wähne mich für diese Momente als entrückt, doch M.R. sieht das keineswegs so. Ja, sie meint gar, ich könnte den „“Er““ zum „Ich“ entsorgen. Eine Bemerkung der ich für den Augenblick gar munter zustimme, doch die kommenden Tage lehren mich etwas anderes. „Ich“ bin noch nicht soweit, ich muss weiter behutsam und achtsam mit mir umgehen. Und entsorgen werde ich den „“Er““ nicht! Ja, „“Er““ gehört zu meinem „Ich“, ist ihm Partner, im Duo mag ich vielleicht komplett sein, auch wenn ich mich nicht so fühle. Vielleicht wird „“Er““ ruhiger und ich nicht zum „“Er““, da ich in mir selbst ruhe, auch dann wenn ich mich verletzlich fühle und den „“Er““ zum Schutz Meinerselbst aufrufe. Mal sehen, was kommt, wie es wird …

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3 Gedanken zu “Mich in mir selbst vereinen – Ein weiterer Schritt zur Überwindung meiner Depersonalisationsstörung

  1. Hallo,

    (ich bin auch Psychotherapeutin und Diplompschologin.) Den Teil von dir, den du als ER beschreibst ist Teil deines Ichs. Den brauchst du nicht entsorgen. Er scheint mir schon integriert!

    LG aus Posdam! Anke

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    • Danke für die Anmerkung. Grundsätzlich sehe ich es auch so. Allerdings ist meine Wahrnehmung häufig eine andere, denn der Persönlichkeitsaspekt „Er“ lässt mich mir („Ich“) selbst fremd erscheinen. Demnach sollte ich ihn doch noch „entsorgen“, nämlich durch – wie sie andeuten – Integration. Das wäre dann das, was ich als komplett werden verstehe.
      Ich bin auf dem Weg und wähne das Ziel nahe. Es war bislang ein langer Weg, den ich 2011 begann.
      LG aus meinem Kastell im Glockenbach. Matthias

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      • Entsorgen ist weg-tun, was ich nicht mehr brauche, integrieren ist zumirnehmen. Also zwei völlig gegensätzliche Sachen.

        Du brauchst eigentlich nur die feste Schlaufe aufzumachen, die du damals um den ER geknotet hattest. Dann rutscht er in dein Selbst hinein. Bei Bedarf kannst du ihn dir jederzeit als treuen Wächter holen.

        Man entsorgt keine Persönlichkeitsanteile, wäre doch schade drum!

        Vielleicht hast du ein Bild dazu ?

        Liebe Grüße!

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