Strukturen des Missbrauchs am Beispiel der Manipulationskraft von Tätern oder ein Elefant im Zimmer

MaxErnst

Wenn ich von Tätern schreibe, schreibe ich nicht von Männern, sondern von Männern und Frauen. Es gibt männliche und weibliche Pädokriminelle, die Kinder und Jugendliche, Mädchen und Buben, mit ihrer sexualisierten Gewalt konfrontieren. Das reicht von Anzüglichkeiten, Eindeutigkeiten, über Grabschereien, ungewollte Umarmungen und Zärtlichkeiten, bis hin zu Exhibitionismus und direkten sexuellen Handlungen, Vergewaltigung und Folter.

Als Illustration zu diesem Beitrag sehen Sie das Bild „Die Jungfrau Maria verhaut den Menschensohn vor drei Zeugen“ von Max Ernst. Max Ernst provozierte damit einen kleinen Skandal. Er malte aber – sicher unbedacht – auch einen Stereotyp von Kindesmisshandlungen, denn diese Verbrechen geschahen und geschehen häufig vor aller Augen, nur kaum jemand nimmt sie wahr. So auch im Fall des Jesuskindes, schließlich wurde uns nicht überliefert, dass die Heilige Jungfrau ihm gegenüber je die Hand erhoben hätte.

Dieser Tage erschütterte der Missbrauchsfall aus Staufen bei Freiburg die Öffentlichkeit. Ein Bub wurde über zwei Jahre von seinem siebten Lebensjahr an von seiner Mutter und deren pädophilen Lebensgefährten sexuell missbraucht und via Internet prostituiert. Männliche Kinderschänder aus ganz Europa reisten in den Schwarzwald, um den Jungen zu vergewaltigen. Und wie so oft, wenn ein Verbrechen die Grenzen der Vorstellungskraft streift, werden die immergleichen Fragen gestellt: Wie konnte das geschehen? Warum hat niemand etwas gemerkt? Gab es keine Anzeichen?

Nun, Anzeichen gab es in diesem speziellen Fall genug, das Jugendamt nahm sie sogar ernst. Der missbrauchte Bub wurde im März 2017 aus der Familie genommen, nachdem dem Jugendamt durch die Polizei bekannt wurde, dass der pädokriminelle und einschlägig vorbestrafte Freund der Mutter, Christian L., mit Mutter und Kind in einer Wohnung zusammenlebte. Doch die Mutter wehrte sich vor Gericht erfolgreich gegen diesen Eingriff in ihr „Geschäftsmodell“. Der Bub wurde vom Oberlandesgericht nach einer von der Mutter verfolgten Berufungsklage ohne besondere Auflagen nur aufgrund ihres Versprechens, ihren pädokriminellen Freund vom Jungen fernzuhalten, wieder in ihre „Obhut“ gegeben. Die beiden Kinderschänder setzten darauf ihre Verbrechen an dem Jungen bis zu ihrer Verhaftung im Oktober fort. Dank der indolenten und ignoranten Richterin, Eva Voßkuhle (Ehefrau des Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes), musste der Junge ein weiteres halbes Jahr unvorstellbaren Qualen durchleben – und ein halbes Jahr ist für neunjähriges Kind eine halbe Ewigkeit.

Das perverse an dieser Entscheidung der Richterin Voßkuhle ist, dass sie über den Täter bereits 2010 als Richterin am Landgericht Freiburg zu Gericht saß. Sie kannte also Christian L., die Person, die Anlass des aktuellen Verfahrens war. 2010 war er bereits vorbestrafter Wiederholungstäter. Wegen sexuellem Missbrauch einer 13jährigen verurteilt sie ihn zu vier Jahren Gefängnis, verzichtet aber auf anschließende Sicherungsverwahrung, obgleich die Ermittler Gigabytes an Kinderpornografie auf seinem Computer entdeckten. Vielmehr meinte sie zu dem Pädokriminellen nach ihrer Urteilsverkündung: „Sie haben eine Chance verdient“. So verdient man sich also hierzulande Chancen, indem man Bewährungsauflagen ignoriert und mehrfach Wiederholungstaten verübt! – Derartige Richter sind erbärmlich; so erbärmlich wie ihre fehlende Sachkenntnis, doch sie sind vorstellbar und deswegen äußerst berechenbar.

Diese Berechenbarkeit spielt allerdings den Tätern und nicht ihren Opfern in die Hände. Denn so konnte Berrin T, die Mutter des Jungen, in der Verhandlung um das Sorgerecht für ihren Sohn die Richterin Voßkuhle blenden, indem sie dem Stereotyp der fürsorglichen Mutter entsprach. Also kamen Voßkuhle und ihre beisitzenden Richter zu der Überzeugung, dass Berrin T. „durch ihr ernsthaftes (auch im Anhörungstermin vor dem Senat aufrichtig betontes) Bestreben, das Wohl ihres Sohnes nicht aus dem Blick verlieren und diesen vor Gefahren schützen würde“, weswegen der Junge bei der Mutter wohl gut aufgehoben sei (Quelle: Welt.de). – Hier war es also das Gericht, dass die Anzeichen nicht ernst nehmen wollte.

Somit ist aber auch die zweite pauschale Frage beantwortet. Es hat niemand etwas gemerkt, weil niemand etwas merken wollte, weil niemand das Mögliche denken wollte, nämlich das Frauen, Mütter, ebenso Täter sein können, wie es Männer, Väter und Stiefväter sind. Dabei liegen aus dem Hellfeld abgeleitete Zahlen vor, die bei sexuellem Kindesmissbrauch auf eine relevante Zahl – cirka 20% – weiblicher Täter verweist.

Die andere Frage: Wie konnte das geschehen?, weist meines Erachtens daraufhin, dass die Täter begabte Illusionisten sind, die ihrem Umfeld gleich Soziopathen eine Rolle vorgaukeln, die es dem schlichten Zuseher unmöglich machen, sie als Kinderschänder zu erkennen. So geschehen auch bei dem Verbrecherpaar Christan L. und Berrin T. Bei ihnen war es der Vermieter, der Verdacht schöpfte, weil ständig die Rolläden heruntergelassen waren und der Junge nie zum Spielen vor der Tür war. Er teilte seine Sorge der Polizei mit. Doch der war sein Verdacht zu diffus, weshalb sie nicht genauer nachfragte und unverrichteter Dinge wegfuhr.

Genau das aber ist das schreckliche an Missbrauchstaten, dass die Täter ihre Schändlichkeit vor aller Augen beginnen, so wie ein Illusionist auf der Bühne einen Elefanten herbei- und wieder wegzaubert, und kein Zuseher erkennt, was sich da wirklich abspielt und wie der Hokuspokus funktioniert. Die Dreistigkeit der Täter ist das eigentlich unvorstellbare. So erkannte ich zum Beispiel erst während meiner Traumatherapie, dass der Vater meine Schwester schon als 10jährige begrabscht haben musste. Denn ich sehe ihn vor mir, meine Schwester auf dem Schoß und seine Hand in ihrem Schritt, als könnte sie ihm herunterrutschen. Doch er hielt sich nicht fest, denn so hält kein anständiger Mensch ein Mädchen fest. Das aber tat er vor den Augen der gesamten Familie immer wieder, so markierte er seinen Anspruch, den er später auch vollzog. – Am Beispiel des Missbrauchs meiner Schwester durch den Vater von mir möchte ich nachstehend auch die Strukturen des Missbrauchs durch die Täter skizzieren. Denn sie handeln weit weniger versteckt, als man glauben möchte. Nein, viele agieren brutal offensiv, weil dann unbefangene Beobachter nicht glauben wollen, nicht glauben können, was vor ihren Augen geschieht.

Ein Exempel an Dreistigkeit

Mit 15 Jahren lief meine Schwester erstmals von daheim fort. Sie wiederholte es paarmal, obwohl sie, wenn sie, nachdem sie von der Polizei aufgegriffen und den Eltern übergeben wurde, jedesmal vom Vater in schrecklich erniedrigender und sadistischer Weise gezüchtigt wurde. Einmal wurde sie von der Polizei vorübergehend in ein katholisches Mädchenheim eingewiesen, weil sie nicht verriet, wer sie war. Der Vater musste sie schließlich aus dem Heim abholen, was ihm äußerst peinlich war, da er in kirchlichen Kreisen einen guten Ruf als Schriftsteller besaß. Er schrieb Geschichten für eine heile Welt, während seine Familie eine verrottete Hölle war. Doch nach außen bot sie das Bild der perfekten Familie. Allein diese Inszenierung war purer Irrsinn und konnte nur funktionieren, weil das Schweigetabu auch innerhalb der Familie unüberwindbar wirkte.

Jedenfalls war dem Vater dieser Zwischenfall so peinlich, dass er sich, um sein Renommee aufzufrischen, anbot, eine honorarfreie Dichterlesung vor den Zöglingen zu halten. Auch ging es ihm darum, mögliche Schlussfolgerungen ad absurdum zu führen, er selbst wäre Anlass dafür, dass die Tochter von zu Hause weglief.

Schließlich fand die Dichterlesung statt. Ursprünglich war vorgesehen, dass meine Schwester den Vater begleiten würde. Doch sie war zu dieser Zeit wegen eines Mordversuches in der forensischen Psychiatrie zur Begutachtung eingesperrt. Also begleitete ich den Vater, um heile Welt zu demonstrieren. Wobei zu dieser Zeit schon lange nichts mehr Heil war, beide Eltern hatten mich zu dieser Zeit bereits vergewaltigt. Indes der Täter – der Vater – beeindruckte. Er war damals 52 Jahre alt und machte Bella Figura, während meine Schwester ob der fortgesetzten Gewalt daheim durchgedreht war, ihrerseits einen anderen Menschen schwer traumatisiert hatte und nun auf ihren Prozess wartete.

Sie kam bis zum Prozessbeginn unter Auflagen frei. Eine der Auflagen war eine psychotherapeutische Behandlung. Da liegt der Gedanke nahe, dass im Laufe der Therapie, der fortgesetzte Missbrauch durch den Vater angesprochen und aufgedeckt werden könnte. Doch davor muss sich ein Täter, der seine Opfer seelisch und emotional dominiert, kaum fürchten. Ein krasses Beispiel wie mächtig diese psychische Dominanz sein kann, bot 1991 der Serienmörder Jeffrey Dahmer aus Milwaukee. Eines seiner Opfer konnte aus Dahmers Apartment, in dem bereits eine verwesende Leiche lag, fliehen und wurde halbnackt von der Polizei zu seinem späteren Mörder wieder zurückgebracht. Das Opfer war nicht imstande, der Polizei seine lebensbedrohliche Situation anzudeuten, geschweige denn um Hilfe zu bitten.

In diesem Sinne konnte auch ich beobachten, wie der Vater meine Schwester, jedesmal nachdem sie von einer Therapiestunde zurückkam, intensiv ausfragte. Dabei machte der Vater den Psychotherapeuten lächerlich. Meine Schwester folgte dabei dem Vater, indem sie ihm weitere obskure Beobachtungen schilderte. So wurde der Therapeut nach jeder Stunde gründlich demontiert.

In der Folge musste der Vater auch den Prozess gegen meine Schwester nicht fürchten. Er machte auch dort wieder Bella Figura und konnte berichten, wie seine Tochter unter seiner Ägide auf den rechten Pfad zurückgefunden hatte, indem sie eine private Handelsschule besuchte und dazu für die berufstätige Mutter den Haushalt führte. Was übrigens auch die Presse löblich berichtete. Schließlich beeindruckte er das Gericht soweit, dass es ihm, nachdem es meine Schwester wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt hatte, die Tochter in seine Obhut gab und damit zum fortgesetzten Missbrauch überließ.

Dieser Missbrauch, der auch der Mutter nicht verborgen geblieben war, spielte sich so ein, dass der Vater im ganzen Haus die Türen aushängte, um jederzeit Kontrolle über seine Tochter zu besitzen. Zudem lag das Schlafzimmer der Tochter, direkt neben dem der Eltern und selbstverständlich gab es zu beiden Räumen auch keine Türen. Die Spitze an Dreistigkeit war, dass an diesen Schlafräumen auch der Gang zum Esszimmer vorbeiführte. Somit konnte jeder Gast und jedes Familienmitglied sehen, dass es in diesem Haushalt keine Intimsphäre mehr gab. Auf die Idee, dass hinter dem offensichtlichen auch genau das geschah, was man sich denken konnte, kam womöglich der eine oder andere, doch wirklich denken wollte das niemand; denn welcher Täter würde sich so ungeniert verhalten. Wenn überhaupt dann wären sie wohl eher alle kleine Fritzels oder Priklopils, die ihre Missbrauchsopfer in Bunkern versteckten.

Gerade das Ungenierte, die beinahe provokative Schamlosigkeit der Täter, bildet eine „erfolgreiche“ Struktur des Missbrauchs, wie es uns unter anderem die 80er Jahre gesamtgesellschaftlich einprägsam lehrten, als die Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule und Päderasten die Forderung nach straffreiem sexuellen Umgang Erwachsener mit Kindern vertrat. Unterstützung fanden diese Pädokriminellen bei den Grünen und Teilen von FDP und SPD sowie in der Humanistischen Union, die sich erst 2004 von diesen Zielen lossagte (siehe hier). So konnte es geschehen, dass die Berliner Gesundheitssenatorin Reichel (SPD) auffällig gewordene Jungen, sogenannte Herumtreiber, bewusst vorbestraften Päderasten in Obhut gab. Das „Projekt“ – ein im Grunde öffentlich finanzierter Kindesmissbrauch – wurde von dem Sexualpädagogen Helmut Kentler angeregt und betreut, der unter anderem auch Täter so positiv begutachtete, dass sie vor Gericht freigesprochen wurden (siehe hier). In einem Fall bezeichnete er einen Täter, der einen Siebenjährigen missbraucht hatte, als ein „pädagogisches Naturtalent“.

Ungeniert zu sein, ist als kecke Strategie vielen Kriminellen eigen, ungeniert gehen darum auch heute noch Pädokriminelle nach dem Motto „Frechheit siegt“ vor, während die Gesellschaft betreten und peinlich berührt wegschaut. Ja, so mancher macht sich dabei gar ernsthaft Gedanken darüber, wie schäbig er denkt, wenn er seinem Nachbarn eben das zudenkt, was dieser offensichtlich tut, nämlich Kinder belästigen und sie seiner sexualisierten Gewalt auszusetzen.

Meine Schwester konnte sich erst 1988 mit 36 Jahren aus der korrupten und psychisch aufgezwungenen Unterwerfung unter den Vater befreien. Sie heiratete. Ein paar Jahre zuvor versuchte sie, von zuhause auszuziehen. Sie nahm sich ein Appartement im gleichen Ort. Doch kaum war es eingerichtet, erschlich sich der Vater den Zugang unter dem Vorwand, hier einen stillen Ort zum Schreiben zu haben. Sein Opfer gab daraufhin alsbald den Versuch, dem Täter so zu entkommen, auf, kündigte die Wohnung und zog wieder zum Vater zurück. Und selbst nachdem sie verheiratet war und Kinder bekam, konnte sie den Täterkontakt nicht mehr aufgeben. Der Vater behielt die Kontrolle über sie und ihre Familie. Er schmeichelte dem Schwiegersohn und fand so in ihm einen Kumpan. In der Folge missbrauchte er wohl auch seine Enkelin; jedenfalls zeigte das Kind ein auffällig sexualisiertes Verhalten mit einhergehenden Ess- und Schlafstörungen. Und auch hier gab es eine Reihe von Bekannten und Geschäftsfreunden des Vaters, die sich eigentlich Gedanken darüber hätten machen müssen, was hier vor ihren Augen geschieht, doch auch sie sahen den Elefanten nicht im Zimmer.

Wie schwer es selbst für die Beteiligten ist, zu erkennen, was vor ihren Augen und um sie herum geschieht, erschloss sich mir, nachdem ich ein Hörspiel über eine Tochter-Mutter-Beziehung in einer solch missbräuchlichen Konstellation geschrieben hatte. Der Vater war in der Zwischenzeit gestorben. Die fertige Produktion gab ich meiner Schwester, der Mutter und den Brüdern, und keiner von ihnen erkannte, dass die Vorlage zur Geschichte ihre Familie geliefert hatte.

Ja, Täter sind Manipulatoren, Illusionisten, Psychopathen, Narzissten und gefährliche Trickster, die ihr Umfeld rasant verderben und so ihre Mitwelt mittelbar in eine Allianz zwingt, indem sie sie zum Schweigen bringt. Denn wer bei A nicht A, das heißt beim ersten Verdacht nicht, haltet den Dieb, gerufen hat, der wird auch bei B nicht mehr B sagen, selbst wenn es dringend ist, um ein laufendes Verbrechen zu unterbinden.

Zum Abschluss das Musikvideo „Silent Scream“ von Cora Lee, das indirekt auch die Not des neunjährigen Buben aus Staufen illustriert.

4 Gedanken zu “Strukturen des Missbrauchs am Beispiel der Manipulationskraft von Tätern oder ein Elefant im Zimmer

  1. Lieber Lotosritter,
    es fällt schwer, hier ein „gefällt mir“ zu klicken.
    Ich sehe, wie Recht Du hast und wie sehr der von mir frei formulierte Spruch
    „Willst Du die Wahrheit verstecken, so sage sie laut. Denn jeder wird die Wahrheit im Verborgenen suchen und glauben, das Offensichtliche sei gelogen“ stimmt.

    Auch all meine Erfahrung und Bestätigung hiermit.
    Unsere Gesellschaft glaubt nicht, dass man ehrlich ist. Sie glauben grundsätzlich an eine Lüge. Und lachen sogar oft noch über das Ehrliche – weil sie darin einen Witz vermuten.

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  2. Ja, durchaus bestätigt das den unter Familienrechtsbetroffenen recht gängigen Spruch: „Der beste Trick der ‚Gegenseite‘ ist die Unglaublichkeit“.
    Je abstruser ein Konstrukt ist, desto eher wird angenommen, es könne gar nicht gelogen sein, da niemand sich dermaßen offensichtlichen Mist ausdenken würde.
    So wurde ich vom kompromißbeflissenen Pazifisten zum gewöhnheitsmäßig Frauen und Kinder quälenden Amoktäter umgestrickt und per Beschluss verurteilt.

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  3. Häufig fällt es mit schwer deine Artikel zu lesen, so unfassbar und abscheulich sind die Inhalte. Alles sträubt sich in mir, das zu lesen.
    Trotzdem „tue ich mir das an“, weil du den Blick aus der Opferperspektive wiedergibst. Danke für diesen ungewöhnloichen Einblick.

    An vielen Stellen in diesem Artikel schilderst du, wie andere den offensichtlichen Missbrauch nicht sehen. Die stärkste Stelle ist die:

    „Die Spitze an Dreistigkeit war, dass an diesen Schlafräumen auch der Gang zum Esszimmer vorbeiführte. Somit konnte jeder Gast und jedes Familienmitglied sehen, dass es in diesem Haushalt keine Intimsphäre mehr gab. Auf die Idee, dass hinter dem offensichtlichen auch genau das geschah, was man sich denken konnte, kam womöglich der eine oder andere, doch wirklich denken wollte das niemand; denn welcher Täter würde sich so ungeniert verhalten.“

    In dem Zusammenhang, in dem du das schilderst, ist das offensichtlich. Aber andere haben vielleicht die psychisch instabile Tochter gesehen, die bereits einen Mord versucht hatte, und die fürsorglichen Eltern.

    Ich glaube der Hauptgrund, warum die meisten Menschen den Elefanten im Raum nicht sehen können ist, dass ihr eigenes Erleben, ihre eigenen Vorstellungen diesen Gedanken bei sich selbst nicht zulassen.

    Die Väter und Mütter, die ich kenne, würden buchstäblich alles, wirklich alles, für ihre Kinder tun. Sie würden – ohne eine Sekunde darüber nachzudenken – ihr Leben Opfern.

    Jede noch so mißverständliche Situation wäre in deren Augen wahrscheinlich kein bisschen mißverständlich. Es gibt die Option in deren Kopf nicht, in diese Richtung abbiegen zu können. Sie können nicht so denken, weil sie in ihrem eigenen Weltbild gefangen sind.

    Und ich glaube das ist gut so, denn der Gedanke nähme ihnen die Unschuld im Umgang mit ihren eigenen Kindern.

    Kinder sind den Erwachsenen vollkommen ausgeliefert und verwundbar. Schon das verbietet bei den allermeisten Erwachsenen, dass sie eine solche Situation ausnutzen würden.

    Für dieses Dilemma habe ich keine Lösung. Die überwältigende Mehrheit der Väter und Mütter ist eben nicht pädophil und denkt nicht in diese Richtung, daher können sie auch das Offensichtliche nicht sehen.

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    • Der Mordversuch der Schwester blieb ein Familiengeheimnis. Ich war selbst unter den Brüdern der einzige, der diesen Fakt hin und wieder noch erwähnt hatte. Nein, die Gäste sahen die Anordnung der Schlafzimmer und übersahen sie zugleich. Wobei ich durchaus geneigt bin, ihnen zuzugestehen, dass sie das übelste nicht denken wollten und konnten. Doch gerade dieser Aspekt nährt die Macht der Täter. Zur Veranschaulichung eine Erwiderung, die Jerome Kagan, erem. Kinderpsychologe der Harvard University, einst dem Dalai Lama gab, indem er meinte auf jede grausame Handlung in der Welt kämen Hunderte von kleinen Handlungen der Güte und der Verbundenheit. Sein Resümee lautete: „Gütig, statt bösartig zu sein, ist wahrscheinlich ein Wesensmerkmal unserer Spezies“.

      Das schmerzliche an Ihrem Schlussgedanken ist, dass auch die Mehrheit der Täter nicht pädophil ist, sondern diese Taten verübt, weil sie es kann. Vermutlich sind die Täter in ihrer Mehrheit Sadisten und gefühllose Psychopathen. Meine Lösung wäre, zu versuchen, gegen den Strich zu denken und bei seltsamen Familienkonstellationen z.B. auffällig parentifizierter Beziehung Kind – Elternteil, auch das Undenkbare zu erwägen.

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