Finstere Abgründe, ausgeleuchtet

Liebe Leser,

heute darf ich euch eine ganz besondere Rezension meines Buches „Ein Lied vom Seelenmord“ vorstellen. Sie ist soeben im Band 153 der Vierteljahreszeitschrift „Sommergras“ der Deutschen Haiku-Gesellschaft e.V. erschienen und stammt aus der Feder von Horst-Oliver Buchholz, dem langjährigen Vorstand der Gesellschaft.

Mich hat es sehr berührt, wie einfühlsam und zugleich präzise er sich auf die Senryū und Haiga eingelassen hat. Er hat nicht nur die Dunkelheit und das Grauen gesehen, sondern auch die Hoffnung, die poetische Spannung und die künstlerische Gestaltung – genau jene Gegensätze, die mir während der Entstehung so wichtig waren. Seine Worte geben dem Buch eine Stimme, die weit über meine eigene hinausreicht. Deshalb gebe ich die Rezension hier gerne ungekürzt wieder.

Mein herzlicher Dank gilt Horst-Oliver Buchholz für diese einfühlsame und mutige Auseinandersetzung mit meinem Buch.

Finstere Abgründe, ausgeleuchtet

von Horst-Oliver Buchholz

Matthias Mala: Ein Lied vom Seelenmord – Senryu zum Weg der Genesung nach Posttrauma durch Kindesmissbrauch, BoD Hamburg 2025, 106 Seiten, ISBN 978-3-6951-3432-8

Dieses Buch ist anders. Anders, als alles in dieser Reihe von Rezensionen Vorgestellte. Es ist finster und abgründig – und hoffnungsvoll. Es nimmt einem die Ruhe, es wühlt auf. Niemanden wird dieses Buch unberührt lassen. Leicht ist es nicht. Es verlangt dem Lesenden viel ab. Dem Autor indes wohl noch weit mehr. Matthias Mala hat ein mutiges Buch vorgelegt, in dem er offen – ja: schonungslos – ein grausames Schicksal künstlerisch verarbeitet: Kindesmissbrauch, dem er viele Jahr zum Opfer fiel. Doch lassen wir Matthias Mala selbst zu Wort kommen. Im Vorwort seines Buches schreibt er: „Die nachstehenden Senryu reflektieren meinen erlittenen sexuellen Missbrauch sowie die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS), die mich viele Jahre niederwarf. Sie brach nach Jahrzehnten des stillen Leidens an Traumafolgestörungen 2008 auf und wurde 2011 akut. Meine Seele zersplitterte erneut, und psychosomatisch bedingte Leiden (…) warfen mich buchstäblich aus dem Gleichgewicht. Ich war akut suizidal gefährdet. In diesem Zustand begann ich meine erste Traumatherapie.“

Während der folgenden Therapien entstanden in 14 Jahren eben einem Therapietagebuch hunderte von Dreizeilern im Stile von Senryū. Im „Lied vom Seelenmord“ legt Matthias Mala nun 367 Dreizeiler sowie Haiga vor, die entlang des therapeutischen Verlaufs in fünf Kapitel gegliedert sind.

Erste Therapie: Überleben, Scherben auflesen

Eos bleicht die Nacht
Eine Seele verblutet
Feucht der Mutter Schoß

Das erste Senryū, der Auftakt des Buches. Bedrückend. Die bleiche Nacht, das rote Blut der Seele: ein greller Gegensatz, das ist effektvoll gesetzt, poetisch gelungen. Dann: der feuchte Schoß Mutter (das ist die Täterin!). Hier, in Zeile drei, die Andeutung, im Grunde schon: die Vorwegnahme des kurz darauffolgenden Missbrauchs. Erschütternd. Das ist ein Kunstgriff in den Versen des Matthias Mala, der an vielen Stellen im Buch zur Geltung kommt und Wirkung entfaltet, nämlich: poetisch fein Gesponnenes im harten Gegensatz zur grausamen Handlung. Es stockt einem der Atem.

Zweite Therapie: Zu mir kommen, den Makel tilgen

Von Schatten umstellt
Schließt sich der Seele Blüte
Ich harre in mir

Verse einer äußersten Vereinsamung. Die Seele, einst offen blühend, ist nun verschlossen. Und in dem „Ich harre in mir“ scheint auch – so lässt es sich lesen – ein Verharren in der Blüte. Die Blüte wird zum geschlossenen Raum, das eigentlich Schöne (das Blühen) verwandelt sich in einem Ort des Abgeschiedenseins von der Welt, ein Ort auch des Dunkels, denn verschlossen ist die Blüte, kaum Licht dringt darein. Auch hier wieder gestaltet der Dichter seine Verse eindrucksvoll durch einen Gegensatz von Schönem und Finsterem, der verschlossenen Seele. Aus dieser Spannung erwächst den Versen poetische Kraft.

Therapeutensuche oder die Qual der Wahl

Psychotherapeut
Ach, mein Gott, er macht mich krank
Auf dass er heil wird

Ein Lob dem Dichter! Dem es hier gelingt, inmitten all des finsteren Geschehens und der Seelenqual ein komplett heiteres Senryū zu dichten – heiter, mit kleiner bitterer Note, aber doch hell in der Haltung. Die Pointe resultiert aus der Umkehr Patient/Therapeut, der Patient fühlt sich in den Therapeuten ein und wünscht ihm alles Gute. Vielleicht auch – das bleibt offen – damit der Therapeut seinerseits wieder heilend wirken kann, ein zusätzlicher Bezug in den drei Zeilen. Das ist auch Ausdruck einer gewissen Größe, trefflich gemacht in jedem Fall.

Dritte Therapie: Bösen Erinnerungen Paroli bieten

Schau Bübchen, hieraus
Bist du zur Welt gekommen
Komm zu mir zurück

Erschütternd – und im Erschüttertem ein kleiner poetischer Kunstgriff. Die Mutter (die Täterin), fordert das Kind (ihr Kind!) auf zur geschlechtlichen Vereinigung. Dabei kommt das Grauenhafte sprachlich fast hübsch daher, es liest sich wie ein runder Lebenskreislauf: Leben entsteht („hieraus bist du zur Welt gekommen“) und soll zu seinem Ursprung zurückkehren. Tatsächlich aber findet hier ein seelentötender Missbrauch statt. Das verniedlichende „Bübchen“ steigert die Wirkung der Zeilen weiter. Krass auch hier der Gegensatz vom Grauen der Handlung und deren Wortwerdung in beinahe niedlichem Ausdruck (das „Bübchen“). Poetisch ist das sehr gut gemacht. Und doch stockt der Atem …

Vierte Therapie: Dem Alb entkommen, Scherben kitten

Die Morgensonne
Scheint sanft durch meine Lider
Mein Albtraum glüht rot

Schön, nicht? Die Morgensonne, rötlich wahrscheinlich und Verheißung eines sonnigen Tages, scheint „sanft“ durch Augenlider. Ein Bild des Friedens, möge doch jeder Tag so seinen Anfang nehmen, ein Wunschbild. Dann die beinharte Wendung ins Wirkliche: der Albtraum. Er glüht! Heißt, er ist schmerzvoll, er verbrennt, er zerstört, Verletzungen bleiben zurück und machen ein friedvolles Erwachen zunichte. Der poetische Kunstgriff ist das bipolare Bild von roter Morgensonne und rotem Albtraum, Zeile eins und drei, so dass dieses spannungsreiche Bild auch formal einen Rahmen des Gedichteten setzt. Form und Inhalt zu einem Ganzen gefügt – so entsteht gute Dichtung!

Neben den 367 Dreizeilern enthält das Buch zahlreiche Haiga, Zeichnungen und Malerleien kreiert von Matthias Mala, die hier sprachlich nur unzureichend wiedergegeben werden könnten. So viel aber: es sind ausnahmslos Werke, deren expressive Kraft und handwerklich exzellente Ausführung eine enorme Wirkung entfalten. Sie sind voller Fantasie, manchmal schattig, oft in grellen Farben, vielschichtig sind sie und bei näherem Betrachten fangen sie an, Geschichten zu erzählen. Das Senryū in einem der Haiga lautet

Mich selbst annehmen
Heilt meine wunde Seele
Ich vereine mich

Hier wird die Hoffnung Wort, die wie ein Sonnenstrahl durch graue Wolkentürme bricht. Sie gibt der Dichtung des Matthias Mala eine entscheidende Note. Denn „Ich vereine mich“, dieses Einswerden, ist ein zentrales Hoffnungsmotiv im „Lied vom Seelenmord“. Matthias Mala beschreibt es so: „Es waren buchstäblich Scherben meiner durch die Täter zerbrochenen Seele, die ich auflas und versuchte, wieder zusammenzufügen“. Lieber Matthias Mala, poetisch und künstlerisch ist Ihnen das zweifellos gelungen.

Ein Lied vom Seelenmord
Haiku und Haiga zum Überleben nach Kindesmissbrauch
Matthias Mala
Band 1: Edition Resilienz
Hardcover
108 Seiten
ISBN-13: 9783695134328
Verlag: BoD – Books on Demand
Das Buch ist überall im Buchhandel sowie direkt hier erhältlich:
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