Unterm Krummstab werden Kinder krumm

Ihr Vater wollte kein Kind. Ihre Mutter hatte den Vater reintappen lassen. So kam Ruth auf die Welt. Ein Wunschkind der Mutter, einer narzisstischen Borderlinerin; ich bloggte bereits hierüber (Link). Nur hatte das Kind seinen eigenen Kopf und freute sich auf seine und somit ganz andere Art und Weise an der Welt, als es sich die Mutter noch in symbiotischer Vorfreude ausgemalt hatte. Der Vater, freiberuflich tätig, spannte die Mutter in sein Geschäft ein und beschränkte hierdurch unwissend die Kontinuität narzisstischer Übergriffe durch die Mutter; dass sie dennoch geschahen, und die Mutter aufgrund ihrer Persönlichkeitsstörung ihre Tochter später prostituierte, auch darüber bloggte ich (Link). Ein wenig Gutes hatte die elterliche Konstellation, die Tochter wurde häufig und länger woanders untergebracht und damit dem elterlichen Einfluss entzogen, damit diese geschäftlich reisen konnten. Allerdings war die Aushäusigkeit oft ihrerseits traumatisch. Bei der Großmutter wurde Ruth oft halbe Tage lang im Kammerl eingesperrt, weil die Oma sich im Vorzimmer mit ihren Liebhabern vergnügte. Im Kinderheim einer sechswöchigen Ferienfreizeit an der Nordsee wurde Ruth hautnah mit weiblichem Sadismus durch die Erzieherinnen konfrontiert. Speziell aber war ihre Erfahrung als Klosterschülerin, die sie als Sechszehnjährige im Kloster Frauenchiemsee sammelte.

Hier verbrachte sie eine rauhe Zeit der Einschränkung und Missachtung. Der Wind der 68er Jahre wehte damals noch nicht bis zur kleinen Insel im Chiemsee. Das höchste an lasterhaften Gefühlen für die dort im Internat unterrichteten Mädchen waren Zigaretten und ein paar verstohlene Blicke im Sommer aus den Fenstern hinter Klostermauern auf die Segler am Anleger. Ansonsten gingen die Mädchen am Bandel über die Insel spazieren.

Für den, der nicht weiß, was „am Bandel gehen“ heißt: Man ging an einem Seil, in das in Abständen ein Querholz geknotet worden war. Das Querholz musste von den Mädchen gehalten werden, so blieben sie zusammen und man sah sofort, wenn eins aus der Reihe tanzte.

Es war auch eine Zeit zu der sexueller Missbrauch weder privat noch in Einrichtungen der Kirchen für möglich gehalten wurde. Kindesmissbrauch durch das nähere Umfeld eines Kindes war ein tabuisiertes Verbrechen; wenn, dann verübten es nur böse Finsterlinge, die Kinder mit Bonbons anlockten. Es herrschte im Gegensatz zur praktizierten Sexualität eine vorgetragene Prüderie vor, die durch die aufgesetzte Sprachlosigkeit Missbrauch und Sexualverbrechen begünstigte. Im Rückblick erscheint somit verständlich, warum diese Verbrechen so lange unter der Decke gehalten werden konnten; wenn, dann wurde nur im kleinen Kreis darüber getuschelt.

So wurde Ruth mehrmals von ihrer Religionslehrerin gebeten, sie nach der Vesper in ihrer Zelle zu einem privaten Austausch aufzusuchen. Sie kam dieser eindeutig erotisch unterfütterten Einladung jedoch nie nach, dafür stellte ihr die Nonne mit subtilen Gemeinheiten und Unterstellungen nach. Dies führte auch dazu, dass Ruth von der Schule relegiert werden sollte und sie sich letztlich in einem Stuhlkreis wiederfand, in dem ihre Mitschülerinnen den Stab über ihr brechen sollten. Was sie allerdings nicht taten; denn die Gemeinheit der Nonne war selbst für ihre Mitschülerinnen zu offensichtlich. Zudem war sie als übergriffig unter den Schülerinnen verschrien. Dafür wurde Ruth alsdann auch bei ihren Eltern mit falschen Anschuldigungen denunziert. So schrieb Sr. Maria an ihre Eltern:

23. März 69

Sehr geehrter Herr u. Frau XY!

Ruth läßt ihren Gedanken immer „freien Lauf“ und weiß sie vor ihren Erzieherinnen zu verbergen. Sie beteuert hoch und heilig die „Wahrheit“ – hintennach erweist sich das Gegenteil! – Sie ist aalglatt – erziehlich nicht zu fassen – weiß sich stets rein zu waschen und hat keinen guten Einfluß auf Mitschülerinnen. Sie raucht im Café – nimmt von Kameradinnen Geld zu leihen (was verboten ist) – zahlt zurück erst nach Ermahnung. – Durch Haltung und Benehmen weiß sie die Blicke der Burschen anzulocken – man „kennt“ sie auf der Insel! Ruth macht uns Sorge – wie wird sie sich verhalten, wenn der Fremdenverkehr einsetzt? – Sr Maria

Ich habe Ruth soeben diesen Brief vorgelesen – sie „verspricht“ Besserung und will hier bleiben, obwohl ich ihr sagen mußte, daß wir lieber hätten, sie würde freiwillig gehen.

Hierauf verstärkten ihre Eltern, die schon damals eine esoterisch verquaste Weltanschauung und Lebenshaltung pflegten, ihren moralischen Druck auf sie. Mithin spielten sich Teufel und Beelzebub die Karten zu, um ein Mädchen durch ihre Abwertungspädagogik zu brechen. Dass sie damit beinahe Erfolg hatten, zeigt ein Brief, den Ruth drei Wochen zuvor aus dem Kloster an ihre Mutter schrieb und in dem sie sich ihr zumindest vordergründig unterwarf. Er offenbart, dass die elterliche Absicht, die Tochter ins Kloster zu schicken, nicht nur von gleicher „erzieherischer“ Intention, sondern auch eine Strafaktion war, um sie zu verbannen. Oder anders ausgedrückt, man wollte sich von dem pubertierenden Gör nicht länger nerven lassen, also gab man es aus dem Haus und widmete sich dem Geschäft.

Also schrieb Ruth aus dem Kloster:

Zum ersten Male in meinem Leben erkenne ich, wie es zuhause schön war, und daß Ihr die einzigen Menschen seid, die ich immer geärgert und beschimpft habe, die es mir immer gut meinten. Ihr habt alles für mich getan, die Mammi hat alles für mich immer so nett gerichtet, was ich jetzt nicht mehr habe, und Du, Paps, warst für mich immer da. Ich weiß, Ihr seid die einzigen Menschen auf der Welt, die es mir am besten meinen.

Das ist kein Brief, den ein Mädchen an seine Eltern schreibt, die es liebt und von denen es sich geliebt fühlt. Es ist ein Brief, in dem es vielmehr um ein Leben lang versagte Elternliebe bettelt, weil es deren seltsamen Ansprüchen nicht gerecht werden konnte. Wie sehr das Mädchen unter der Kontrolle ihrer Mutter stand, zeigen auch die Mitteilungen in ihren Briefen über ihre Gefühle zu dem einen oder anderen Jungen. Hier bot sich die Mutter als Vertraute an, um die Tochter zu kontrollieren. Eine Form des seelischen Missbrauchs, den Mütter auch heute noch pflegen, indem sie mit ihren Töchtern Intimitäten austauschen, die diese weder wissen noch sagen wollen. Hierdurch werden durch die Mütter Grenzen verletzt und das Empfinden der Töchter für die eigene Intimsphäre dauerhaft beschädigt. So manche „Offenheit“ unter Frauen hat ihren Ursprung in dieser subtilen Kontrolle ihres Intimlebens durch ihre Mütter, die meinen, Hüterinnen der töchterlichen Unschuld zu sein. Ein Teil der Kontrolle ersetzte auch der Klosteraufenthalt, denn dort waren Kontakte zu Burschen unmöglich und die Leute rundherum verpetzten jede Klosterschülerin, sobald sie es wagte, auf der Insel oder auf dem Weg zum Bahnhof eine Zigarette zu rauchen oder sich mit einem Burschen abzugeben.

So funktionierte eine unheilige Allianz. Dem Kind, das schon in seinem Elternhaus durch die Hölle ging, wurde auch im Kloster eingeheizt, und beide Institutionen tauschten sich in ihrer Gemeinheit aus, auf dass das Kind zu einem hübschen Häkchen gebogen werden konnte. Die Folge, auch 50 Jahre danach konsultiert meine Frau einen Psychologen, um jetzt, wo die Mutter als Täterin langsam dahinscheidet, nicht noch einmal von diesem lebensfeindlichen Strudel erfasst zu werden. Ja, da wandelt sich der Ruf des Heilands: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen ist das Reich Gottes“, eher in eine Drohung; und wenn ich an die zigtausend Missbrauchsverbrechen in den Kirchen denke gar in einen bösen Fluch.

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