Peter und Paul, oder der öffentliche Missbrauch

Wie ist es möglich, dass in einer Familie Kinder vor aller Augen von ihren Eltern missbraucht werden? Weil die Familie keine Moral, keine Wertmaßstäbe besitzt, weil es in ihr normal ist, sittliche Normen zu verletzen. Hier berichte ich darüber, was mich heute intrusiv triggerte und womöglich auch Sie triggern könnte. Es ist eine Skizze erlebten Missbrauchs.

Meine Frau fragte mich heute abend, was mit mir sei, ich sei so still. Ich sagte: „Nichts“, doch meinte etwas, was ich nicht aussprechen wollte, weil ich vermutlich danach heftig dissoziieren würde. Jedenfalls war es während dem Telefonmeeting unserer Selbsthilfegruppe, als eine Freundin ihren einstigen Missbrauch durch ihren Vater im Monat Juni erwähnte. Juni, da klickte bei mir der Trigger und schwupp, war alles wieder da.

Anfang 1964. Meine Schwester war elfeinhalb Jahre alt, und ihr wuchsen die Brüste … Nein, das ist nicht der Anfang der Geschichte, sie begann noch ein halbes Jahr vorher. Meine Schwester und ich teilten uns damals das Esszimmer der Familie als Kinder- und Schlafzimmer. Eines Abends sagte sie mir, dass sie im Schritt blute. Ich war kurz zuvor durch eine Aufklärungsfibel, die mir die Mutter in die Hand drückte, aufgeklärt worden. Also ging ich ins Wohnzimmer, wo der Vater, die Mutter und meine beiden älteren Brüder zechten. Ich bat die Mutter zu mir und sagte ihr, dass Lotte ihre Periode bekommen habe. Die Mutter nahm sie daraufhin zu sich, drückte ihr die Aufklärungsfibel in die Hand und gab ihr Binden und Monatshöschen. Derweil zog der Vater, dem die Mutter das Ereignis zuvor noch schnell zuflüsterte, damit keine Misstimmung in die Saufrunde kam, eine widerliche Schau ab. Er fing an, zu schluchzen, und seufzte theatralisch: „Meine Tochter ist zur Frau geworden.“ Und immer wieder diesen Satz, und zwischendurch „Ach, welche Verantwortung!“; „Ach, was wird auf mich noch zukommen!“; und wiederholt, „Meine Tochter …!“, als wenn Lotte keinen Namen mehr hätte. Also soff er diese Nacht noch mehr, schließlich war er nun Vater einer Frau geworden.

Lotte entwickelte sich. Der Vater schmuste noch mehr mit ihr, und als ihre Brüste zu wachsen begannen, war es Frühjahr. Da erfand der Vater – er war ja so kreativ – ein neues Spiel. Er spielte „Peter und Paul“. Er erfand es, als er mit Lotte auf der Couch ranzte. Peter und Paul ist ein Kirchenfest, das am 29. Juni zelebriert wird. Der Vater fand es witzig, die beiden Brüste von Lotte Peter und Paul zu nennen, sie dabei anzufassen und darüber zu spekulieren, um wieviel größer sie zum Fest Peter und Paul sein werden. Am liebsten spielte er Peter und Paul, wenn er sich zum Mittagsschlaf hinlegte. Damit etablierte er zugleich ein neues Ritual. Die „Frau“ Tochter bettete den Vater zum Mittagsschlaf, und er hatte seine Drecksgriffeln an ihren Brüsten. Und hahaha, es war ja so lustig, der Vater lachte und meine Schwester lachte und drückte sich an den Vater, ihr wurde das schon lange vorher von ihm abverlangt, ehe sie „zur Frau geworden war“.

Ich verstand dieses Spiel nicht. Erst als mir meine Schwester sagte, dass Peter und Paul ihre beiden Brüste seien, wurde es mir peinlich. Aber da sich die beiden so gut dabei amüsierten, musste es wohl normal sein. Jedenfalls ging ich, wenn sie Peter und Paul spielten, lieber in die Küche und machte den Abwasch.

Ihr Spiel musste auch so ganz normal gewesen sein, denn der Vater spielte mit Lotte auch Peter und Paul, wenn die Mutter oder die Brüder zuhause waren. Allerdings fummelte er dazu bei ihr nicht unter sondern nur über der Bluse rum. Dafür amüsierten sich auch Mutter und Brüder über den Scherzbold von Vater. Wahrscheinlich auch deswegen, weil der Choleriker in ihm, dann sanftmütiger und er insgesamt berechenbarer war.

Als ich sechs Jahre später meine Frau kennengelernt hatte, spielte ich bei ihr auch einmal Peter und Paul. Das war nur einmal und nur ein Ansatz, denn in dem Augenblick, als ich das Spiel begann, wurde mir klar, was ich sechs Jahre lang übersehen hatte: Dieses widerliche Spiel war der Beginn des aktiven Missbrauchs meiner Schwester durch den Vater; ebenso der Beginn der Duldung dieses Missbrauchs durch die Mutter. In dieser moralisch verrotteten Familie war es dem Vater möglich, vor aller Augen seine Tochter zu missbrauchen und diese Vergewaltigung auch noch als akzeptables Spiel darzustellen. In dieser Familie gab es für die Eltern keine moralischen Maßstäbe. Für uns Kinder ohnehin nicht, wir waren seiner Willkür ausgesetzt, die er mit dem Rohrstock in blutigen Streifen geplatzter Haut auf unserem Hinter statuierte. Zudem brach er unsere Psyche mit gut durchdachten sadistischen Spielen von Spielraum und Strafe, die wir Kinder nur verlieren konnten, weil sie außer seelischem Schmerz keine Regeln besaßen. Unsere Verzweiflung und Hilflosigkeit machte dem Vater Laune. Das bot dem Missbrauch Raum, in dem die Eltern ihre beiden jüngsten Kinder, meine Schwester und mich, vergewaltigen konnten, ohne dass wir begriffen was geschah. Wir wussten nur eins, wir konnten und durften das niemandem erzählen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s