Mit einer zertrümmerten Seele überleben

Traumatherapie ist in jedem Fall anstrengend. Selten Routine, häufig von dramatischer Bewegung. Da wird buchstäblich die Seele berührt, ja manchmal gar umgerührt. Vor einer Woche durchlitt ich einmal mehr eine Stunde, in der ich meine Seelennot offenbarte und so auf der Suche nach Meinerselbst an einen Punkt gelangte, der mir eine weitere Perspektive eröffnete. Aus diesem Grund teile ich hier aus meinem Therapietagebuch.

Ab heute beginnt die Stunde um 12 Uhr. Ich muss deshalb eine Stunde eher fahren; also auch eine Stunde eher aufstehen, was mich zum späten Nachmittag entsprechend ermüdet. Diesmal war zudem die Nacht davor unruhig, und ab sieben konnte ich nur noch schlummern.

Zunächst lese ich das Haiku vor, das auf der Herfahrt entstand:
Nur wenige Blüten
Auf wintermüden Matten
Abbild des Traumas.

Ich fand es eine passende Skizze für meine Situation. Fortschritte sind da, erhebliche sogar, aber es gibt immer wieder Rückschritte; eben durchaus vergleichbar mit dem Ringen von Winter und Aufbruch, das sich ja über den ganzen Winter in den Faschingsbräuchen abbildet. Überleben. Immer wieder Überleben. Es blühten tatsächlich vereinzelte Blumen auf Wiesen entlang der Bahnstrecke, die kurz zuvor noch vom Schnee bedeckt waren. Angekommen sah ich gar in einer geschützten Nische ein Mandelbäumchen blühen.

Dann reflektiere ich über die Ergänzung der ICD-11 um die Diagnose der kPTBS und einem Interview mit Luise Reddemann, die dazu klarstellte, dass es neben einer kPTBS auch eine komplexe Traumafolgestörung gibt, die ohne posttraumatische Störungen gleichermaßen belastend für traumatisierte Menschen sei. Dies trifft in gänze auf mich zu, denn bevor sich mein Posttrauma entwickelte, litt ich an Traumafolgestörungen, die ich einzig durch meine Berufswahl gut kompensieren und vor mir und meiner Mitwelt verbergen konnte. Andererseits vermochte ich, da nicht in Behandlung, etliche Verhaltensweisen und Zwänge nicht einzuordnen und somit auch keine Skills dagegen zu entwickeln. Folglich blieb mir nicht mehr, als mir selbst einen Elfenbeinturm zu schnitzen, um unauffällig und geschützt zu überleben; gleichwohl belasteten mich die klandestinen Traumafolgestörungen weiterhin. Erst durch die Traumatherapie, die ich 2011 begann, nachdem ich 2008 aufgrund meiner Namensänderung in ein Posttrauma schlitterte, wurde mir nach und nach bewusst, wie sehr ich litt. So zum Beispiel meine dependente Persönlichkeitsstörung, die ein psychiatrischer Gutachter im Rentenverfahren erkannte und die mir als solche erst damit bewusst wurde, weil er mir mit seiner Diagnose erst einen Begriff für mein seltsam angepasstes Verhalten lieferte.

Weiter griff ich als nächsten von fünf Punkten auf meinem Spickzettel meine wiederkehrenden Albträume auf. Sie verdüsterten auch die Nacht vor der Therapie. Inzwischen bin ich nicht mehr der Drachenbezwinger, wie es vor einem guten halben Jahr sensationell begann, sondern die Dämonen erhoben sich wieder zu Lenkern meiner Träume. Ja, es ist entsetzlich, wie man meine Seele zertrümmerte – mit 72 Jahren noch das Trauma der Kindheit und Jugend zu durchleiden. Andererseits – so erkläre ich M.R. mein Entsetzen darüber – erahne ich verstehend, warum sich Holocaust-Überlebende im Alter noch das Leben nahmen, weil sie die Wiederkehr der Dämonen nicht mehr erdulden und verkraften mochten. Ja, sie konnten den wiederkehrenden Alb nicht ertragen, da der erlittene Schrecken ihnen erneut die Luft zum atmen und somit auch das Leben nahm.

Gleichzeitig wiederholte ich meine Assoziation, die ich bereits in der Suchtselbsthilfegruppe dargelegt hatte; nämlich dass meine prekäre Entwicklung letztlich die Chance in sich barg, dass ich überhaupt überleben konnte. Missbrauch und Misshandlung in Kindheit und Jugend durch Eltern und Erzieher ließen mich bereits mit elf Jahren zum Alkohol greifen, daraus entwickelte sich eine Polytoxikomanie, die ich letztlich nur mit viel Glück überlebte. Durch die Drogen wurde ich gefühlstot und verlor das Empfinden für mich selbst. In diesem Abusus wies die Entwicklung ins Grab, doch sauber geworden, verkehrte sich der Abgrund zu einem rückwärtigen Horizont, dem ich mich nie wieder nähern möchte. Darob lernte ich, mich permanent zu reflektieren. Ich fand darüber zwar nicht mich, doch mir erwuchs ein seriöser Begleiter, das Meinerselbst das mein Selbst im Blick behält, damit es sich nicht erneut und damit endgültig verlieren könnte. Damit rechtfertigte ich weder vergangene Verbrechen an mir, noch spreche ich ihnen einen späten Hintersinn zu, vielmehr sehe ich darin eine Mahnung, alten Mustern, die mich prägten, ihr schlechtes Mana zu nehmen, auf dass sie mich nicht mehr in ihren Bann ziehen können. Das bedeutet für mich, meine Überlebensfertigkeiten zu vervollkommnen, um nicht in überwundene posttraumatische Zustände abzugleiten, doch gleichzeitig und weiterhin die Verbrecher und ihre Verbrechen klar zu benennen. Nur dann finde ich in mir einen Grund, auf dem ich wachsen kann. – Klar, das ist keine Sache von ein paar Therapiestunden, sondern von Jahren, in denen ich mich um meine Sauberkeit bemühte und sie mir somit ebenso erhielt. Resilienz ist eben auch viel und mühselige Arbeit an sich selbst. Es geht dabei nicht darum, eine Opferrolle zu vermeiden. Opfer zu sein ist keine Rolle, sondern Ergebnis einer intensiven Konditionierung; weswegen einem selbst die Merkmale des eigenen Opfer-Seins erst nach und nach bewusst werden. Manche durch Konditionierung erworbene Eigenschaften wurden mir erst 50 Jahre später während den Therapiesitzungen bewusst.

Ich empfand, als ich darüber sprach, wie abartig derlei Selbstwahrnehmung von Meinerselbst und meines Leids ist; jedoch ist sie ebenso pervers wie die Lösung. Ja, diese ist geradezu von christlicher Größe. Das eigene Leid – das eigene Kreuz – zu schultern, um sich hierdurch zu läutern. Pervers ist hier allein das Paradox im Sinne von Leid als Chance. Ich diminuiere damit keineswegs die Verbrechen, sondern werde allenfalls mir selbst zum „Heiland“. In mir die Versöhnung mit dem geschehenen Leid finden, damit ich mich von seiner Last befreien kann. Damit meine ich freilich keineswegs eine Versöhnung mit den Tätern oder den Umständen, dahin gibt es keinen Weg. Die Verbrechen und Umstände bleiben für mich unentschuldbar. – Ich fühle mich mit meiner Sicht von M.R. verstanden. Die vorgeschlagene Besinnung dazu aber lehne ich ab, da mir der Komplex zu komplex ist.

Zum Schluss erzähle ich, wie ich auf einen Faden bei Twitter reagierte, in dem eine Prager Jüdin berichtete, dass sie 1938 als Kind mit einem Kindertransport nach England geschickt wurde. Ihre Mutter tröstete sie ob der Trennung darüber, dass ihre Familie bald nachkommen würde. Das Mädchen kam in eine Pflegefamilie. Nach dem Krieg übersiedelte es als junge Frau wieder nach Prag und musste dort wieder Tschechisch lernen, weil sie ihre Muttersprache vergessen hatte. Über den Suchdienst des Roten Kreuzes erfuhr sie schließlich, dass ihre gesamte Familie von den Deutschen ermordet worden war. Während ich den Faden las, rollten mir die Tränen über die Wangen, was mich irritierte, weil ich nicht orten konnte, wer oder was in mir weint. Ich war über den Bericht zwar traurig gestimmt, aber mir war nicht zum weinen, trotzdem flossen die Tränen; und auch als ich später Dagmar davon erzählte, musste ich schluchzen.

M.R. meinte, dass da wohl mein inneres Kind besonders empfindsam sei und aus seinem eigenen Schmerz heraus mitleiden würde. Sein Mitgefühl wäre auch ein Signal an mich, dass ich mich nicht verloren hätte, sondern irgendwo, irgendwie ganz geblieben wäre. Mir ist das alles unverständlich. Inneres Kind ist mir ein Begriff, den ich als Metapher verstehe, dem ich auch in meiner Lebenswirklichkeit manchmal begegne, aber es ist nicht meins und hier ganz besonders nicht. Gleichwohl lasse ich mich diesmal auf die Besinnung ein und spüre dem Schmerz und dem Mitleid in mir nach. Dabei empfinde ich nach, wie mich einst Angst, Schmerz und unmittelbares Mitleid erfassten, wenn ein anderes Kind oder ein Geschwister geschlagen, herabgewürdigt oder bedrängt wurde. Dann war die ganze Welt für mich ein einziger Schmerz, ein einziges Leid. Jetzt spüre ich dieses Leid erneut und mir laufen erneut die Tränen. Ich schlage die Hände vor mein Gesicht und weine in ihr Schild, in die warmen, vom Tageslicht rötlich durchwirkten Handflächen. Meine Mitleidsfähigkeit, meint M.R., wäre ein Quell meiner Resilienz, sie hätte mich davor beschützt, mich zu verlieren. Ich schluchze und erwidere, es sei schon ziemlich schaurig, wenn ich mit 72 Jahren ob des Leids meiner Kindheit noch heulen müsste. Das ganze kommt mir im nächsten Moment derart abstrus vor, dass ich lachen muss. So lache ich die Schaurigkeit weg. Es bleibt ein bitteres Lachen, wie so oft …

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