Überlebende haben lebenslänglich

Überlebende haben lebenslänglich

Das Senryu im Haiga:

Überlebende
Tragen offene Wunden
In ihrer Seele

Es sind die gut gemeinten Sätze: „Es geschieht nicht mehr hier und jetzt.“ Nein, es geschieht nicht. „Es ist vorbei.“ Ja, es ist vorbei – und wirkt doch weiter. Wendungen, die ich immer wieder brauche, um mich zurück ins Hier und Jetzt zu holen.

Es geschah zuletzt 1973, als ich aus einem Rausch erwachte und meine Vergewaltigerin auf mir saß. Davor lagen 22 Jahre Vernachlässigung, sadistische, sexuelle und psychische Gewalt durch Mutter, Vater und Schwägerin.

Ich fand meinen Weg zu überleben. Vom zwölften Lebensjahr an neben dem Missbrauch auch Drogen. 1979 wurde ich clean, nachdem ich beinahe an einer Überdosis gestorben war. Seitdem halte ich mich mit Selbsthilfegruppen drogenfrei. Ich richtete mich ein mit meinen Traumafolgestörungen, wurde selbstständig und schuf zurückgezogen ein beachtliches kreatives Werk.

Erneute Lebenswende

2008 änderte ich unter äußerem Zwang meinen Familiennamen. Ein erzwungenes Outing. Plötzlich kannten Anwälte, Psychologen, Beamte meine Geschichte. Zuerst war ich erleichtert. Dann löste der behördliche Prozess die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung aus. Im August 2011 begann die Traumatherapie. Seitdem bin ich in Behandlung.

Im jüngsten Gespräch ging es wieder darum, dass das Verbrechen doch vorbei sei.

Ich: „Ja, das weiß ich. Aber die Erinnerung ist nicht vorbei.“

Therapeutin: „Aber Sie wecken sie immer wieder, indem Sie sich damit beschäftigen.“

Ich: „Ich muss mich damit beschäftigen. Ich habe Albträume. Mich triggert alles Mögliche. Und der Missbrauch geht überall weiter.

“Wieder drehten wir uns im Kreis.

Mein Getragensein ist gleichsam ein Bordun

Das Seltsame wurde wahr. Der angestimmte Bordun fügte sich zu meinem Selbstverständnis. Er wurde zu meinem Halt. Die Angst und die Traurigkeit gehen nicht mehr weg. Sie liegen wie ein Bordun unter allem – ein tiefer, gleichmäßiger Ton, der nie ganz verstummt. Er ist nicht laut, aber immer da. Auch wenn oben ein Lachen oder ein guter Tag passiert, bleibt er darunter. Man hört ihn mit. Manchmal wird er leiser, fast unhörbar. Dann reicht ein Geruch, eine Stimme, ein bestimmter Schatten, und er ist sofort wieder voll da. Er zwingt mich zur Wachsamkeit. Er ist der Grundton, auf dem mein Leben spielt, ob ich will oder nicht. Es gibt keine Pause, keine Auflösung. Er ist Teil von mir geworden, wie Narbengewebe Teil der Haut wird. Er macht helle Töne nicht unmöglich, aber er färbt sie alle ein.

Natürlich wäre es gesünder, das Verlies der Traumata für immer zu verschließen. Ich verstehe den Wunsch meiner Therapeutin. Doch das Erleben, von klein auf missbraucht worden zu sein, hat meine Seele geformt. Diese Prägung bleibt. Die kPTBS wird hoffentlich milder. Die tiefe Angst und Traurigkeit aber bleibt. Sie ist der Grundton aller Melancholie. Auch in heiteren Momenten schwingt er mit. Er zwingt mich zu ständiger Wachsamkeit, zu Reflexion meiner selbst und der Welt. Flucht, Verbergen und Abwehr bestimmen die Präsenz vieler Missbrauchsüberlebender – lebenslänglich. In der Therapie wurde bei mir zudem eine Dysthymie diagnostiziert, die „kleine Schwester der Depression“.

Kindesmissbrauch ist ein existentielles Verbrechen

Sexueller Kindesmissbrauch verändert ein Leben nachhaltig– ähnlich wie Krieg oder andere Katastrophen. Es gibt kein „vorbei“. Die Tat mag Jahrzehnte her sein, doch ihre Spuren wirken weiter. Sie verändern sich, doch sie bleiben Spuren. Vielfach sind es nicht nur auf den ersten Blick unsichtbare seelische Narben, sondern auch körperlich bleibende Spuren, sichtbare Narben von Verletzungen erlittener Misshandlung. In jedem Fall bleiben seelische Narben. Die Liste ist lang, weit länger als unter den fünf Buchstaben kPTBS subsumiert wird. So kann allein ein Ton, eine Lichtstimmung oder ein Geräusch Betroffene soweit triggern, dass sie von einem Moment zum anderen dissoziieren oder gar in einen Stupor verfallen.

Viele Holocaust-Überlebende verloren Jahre nach der Befreiung noch ihren Lebensmut und nahmen sich das Leben, weil die Erinnerungen sie einholten und für sie hierdurch das Überleben unerträglich wurde.

Ich überlebte zwanzig Jahre mit Drogen. Dann wurde ich clean, doch die seelischen Spuren des Missbrauchs blieben. Es brauchte weitere 20 Jahre bis ich die Ursache meiner Albträume aufschlüsselte und eine erste Psychotherapie begann. Dann vergingen nochmal zehn Jahre, bis mich schließlich bedingt durch die Namensänderung das Posttrauma mit voller Wucht traf. Ich hatte das Glück und die Intention, die richtige Traumatherapeutin zu finden; – nur etwa drei von zehn sind dafür ausreichend ausgebildet.

Die Flucht in die Spiritualität ist kein Ausweg

Wie sehr man sich auf der Suche nach Erlösung von den Traumafolgestörungen auf Abwege begeben kann, durchlebte ich im Anfang meiner Drogenabstinenz. Damals suchte ich wie so viele Exuser nach spiritueller Führung und folgte verschiedenen Gurus und Sektierern. Dabei traf ich auch auf zwielichtige „Therapeuten“, vor denen ich schnell Reißaus nahm.

Fasziniert war ich von dem „Antiguru“ Jiddu Krishnamurti, einem ebenfalls als Kind durch Missbrauch traumatisierten spirituellen Lehrer. Er erzählte in unzähligen Wendungen die immergleiche Geschichte spiritueller Befreiung. Dabei ging es im Wesentlichen um Gedankenleere, auf dass man Transzendenz erfährt. Bei meinem Eifer, Erleuchtung zur Lösung meiner posttraumatischen Störungen zu erlangen, hätte ich beinahe selbst meinen Verstand verloren. Ja, ich habe Suchende gesehen, die diesen Irrweg bis zum bitteren Ende gingen und als psychisch schwer gezeichnete Frührenter endeten.

Lebenslänglich heißt lebenslänglich

Inzwischen sind Jahre vergangen. In dieser Zeit habe ich viel über Lebensgestaltung gelernt. Gleichwohl die Auseinandersetzung mit dem traumatischen Geschehen meiner Kindheit und Jugend blieb. Es verging kaum ein Tag, der mich nicht an das Erlittene und die Täter erinnerte. Die Schatten der Verbrechen wurden zu meinen steten Begleitern.

Ich lernte auch, damit umzugehen, allerdings vermochte mein Körper diesen Abstand nicht gleichermaßen mitzuvollziehen. Die psychosomatischen Störungen – vor allem psychogen bedingte Hauterkrankungen samt Schwankschwindel – blieben. Sie wurden quasi zum Barometer meiner seelischen Wetterlage.

Der Bordun schwingt weiter. Es gibt hellere Phasen, aber kein endgültiges „Vorbei“. Ich habe überlebt, bin weder durch Drogen noch durch eigene Hand gestorben. – Dennoch: „Durch Kindesmissbrauch zum Drogenmissbrauch und weiter zur komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung“, welch bitterer Treppenwitz …!

Ja, ich habe lebenslänglich. Wie so viele Überlebende. Wir alle bleiben vom Bordun des Schreckens und der Verschattung umtönt. Ein Aspekt, der bei der Strafverfolgung der Täter noch kein Gewicht hat. Wenigstens wird er in jüngerer Zeit auch bei der Rezeption der Verbrechen öfters beachtet. So wird in der Berichterstattung mittlerweile öfters an das lebenslange seelische Leiden und die erhöhte Vulnerabilität der Opfer gedacht und dieser Umstand in einen Gegensatz zu den milden Strafen gesetzt.

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