Gedanken zum Tag der Resilienz

Irgendwie gedacht und irgendwo in mir erinnert, trug ich als Kind das wissende Gefühl in mir, ich werde aus dem ganzen Elend und Leid, das mich umgibt und das mir angetan wurde, entfliehen können. Ich hatte keine Ahnung wie, doch dieses Wissen, um ein anderes Lebenkönnen, war so stark, dass ich immer wieder Wege fand, mich der Kontrolle der Täter zu entziehen. Das war sicher nicht der Königsweg, denn ein breiter Pfad führte mich in die Drogenabhängigkeit; schließlich begann ich mit elf Jahren zu trinken, mit zwölf zu saufen und spätestens mit sechzehn war ich Alkoholiker. Wenig später kamen Pillen und illegale Drogen hinzu. Gleichwohl registrierte ich ermahnende Signale, die mir besorgte und im guten zugeneigte Erwachsene sandten, und versuchte mich zum Ausgleich, am Schöngeistigen zu orientieren. Diese resiliente Kraft war es wohl, die mir letztlich mein Leben rettete. Jedenfalls begann ich mit dreißig Jahren ein neues Leben, indem ich meinen eigenen Weg erahnte und anfing, ihn konsequent zu verfolgen.

Somit bringe ich den diesjährigen Tag der Resilienz in Erinnerung. Er ist wie immer am Ostermontag. An diesem Tag zeigte sich der auferstandene Christus seinen Jüngern. Der überlieferte Bericht darüber stellt ein symbolträchtiges Geschehen dar: Ein verletzter Mensch offenbart sich und sein erlittenes Leid. Er klagt nicht an, sondern verweist auf seinen weiteren Weg, den er für sein Heil beschreiten möchte. Er sorgt sich um sein künftiges Heil. Genau das ist Resilienz, Selbstfürsorge! Sie ist nicht zwingend Wiederherstellung; denn zerstörten Kindheiten und traumatisierten Seelen bleiben oft allein deswegen Wiederherstellung versagt, weil es nie ein Zuvor vor dem Erlittenen gab, weil diese Menschen in ihr Elend hineingeboren wurden. Ein Umstand mit dem auch ich leben muss, es gab für mich nie ein heiles Zuhause.

Resilienz ist allerdings kein Talent, das einem gegeben ist oder nicht. Sicher manche haben eine Extraportion an Widerstandskraft, sprich Resilienz, mitbekommen. Doch kann sie ebenso trainiert und soweit angenommen werden, dass sie sich zu einer eigenständigen Seelenkraft entwickelt, die einen Menschen stützt und ihm Selbstbehauptung vermittelt, auf dass er sich nicht auf Abwege begibt. Und mögliche Abwege gibt es für seelisch Verletzte viele, so zum Beispiel Kontakt zum Täter zu halten oder die erlittene Schmach nachzuinszenieren, um sich in den Wahn zu versetzen, man könne das Elend nachträglich beherrschen und sich so vor Wiederholung feien. Deswegen ist ein beachtlicher Teil von Resilienz stete Reflexion seiner Stimmungen und Handlungen. Das klingt anstrengend, doch ich für meinen Teil durfte sie dank der Sucht-Selbsthilfegruppen lange genug einüben, so dass sie mir heute eine selbstverständliche Konditionierung meinerselbst ist.

Aufgrund dessen habe ich dieser Tage zwei Entscheidungen getroffen, durch die ich womögliche Selbstgefährdung weiter reduziere. Der eine ist der Umgang mit der Schwiegermutter, die Täterin zu meiner Frau war und die mich in hohem Maße triggert. Wie haben diesen Umgang bereits eingeschränkt und werden ihn noch weiter einschränken, den er belastet, obgleich die Frau sterbenssiech ist, meine Frau und mich in hohem Maße. Ja, er gefährdet uns! Die zweite Entscheidung ist, dass ich mich um die Fortführung meiner Traumatherapie bemühe, denn ich bemerke, wie ich nach sieben Monaten Pause wieder dabei bin, mich selbst zu verlieren.

Allein mein Beispiel zeigt, dass ein alljährlicher Tag der Resilienz für Posttraumatisierte und Überlebende eine Notwendigkeit ist, um sich seine Fertigkeiten (Skills) wieder in Erinnerung zu bringen und sie zu trainieren. Schließlich bleibt auch ein „ausgeheiltes“ Trauma ein schlafender Vulkan, der jederzeit wieder ausbrechen kann.

Zur Einstimmung auf den kommenden Tag der Resilienz werde ich jeden Tag über die Fastenzeit hinweg via Twitter ein Lied verlinken, in dem auf die eine oder andere Weise Resilienz bildhaft oder direkt ein Thema ist. Ich twittere unter @Lotoskraft (Direktlink).

2 Gedanken zu “Gedanken zum Tag der Resilienz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s