
Es war mal wieder Fügung. Heute gegen 11 Uhr öffnete ich den Computer und sah wie gewohnt bei X vorbei und da sah ich ein Foto von Janosch. Es dauerte eine kleine Weile bis ich den Tweet ganz erfasst hatte: Janosch ist gestorben. Das Foto zum Tweet ist sein Sterbebildchen.
Als Fügung empfand ich diese heutige „letzte Begegnung“ mit Janosch deswegen, weil ich für gewöhnlich nur die ersten fünf Tweets überfliege, und unter eben diesen war die Todesnachricht die zweite.
Anlässlich seines Ablebens veröffentliche ich hier aus meinem Therapietagebuch jenen Abschnitt, in dem ich während meiner Traumatherapie über Janosch sprach, weil ich mir zu dieser Zeit von ihm eine Kopie seiner damals aktuellen Karikatur zur „Aufarbeitung“ des klerikalen Kindesmissbrauchs erbat.
22. März 2021
Diese letzte Therapiestunde liegt bereits vier Wochen zurück. Heute ist der 18. April, morgen habe ich die nächste Stunde. Ich hatte die Notiz für die Stunde verlegt, aber auch kaum Zeit und Muse gehabt mich wieder zurückzubesinnen. Mein gegenwärtiger Zustand ist ambig, ich fühle mich nicht und wenn, dann ist es überlegt, analysierend. Vorhin schnitt er sich in den Daumen. So war es, als ich mich tatsächlich vorhin in den Daumen schnitt. Es hatte mit mir nur soweit zu tun, als dass es mir lästig war, als das Blut austrat. Der Schmerz selbst, war ein Aufscheinen, das wiederum mit mir nur soweit zu tun hatte, als dass es der – ein – mein (in dieser Reihenfolge Körper wahrnahm.
Doch zur datierten Stunde. Ich wollte eigentlich schweigsamer sein, mehr von M.R. hören, doch am Ende hatte ich viel erzählt. Ich begann mit dem bereits im Abschnitt zuvor geschilderten Abschied von Dr. F., meiner Psychiaterin, die als Chefärztin ins CIP wechselt. Sprach über die Angst, die der Ariadnefaden in der Dunkelheit psychischer Not ist. Denn mich an der Angst zu orientieren, sie als Grenzlinie zu verstehen, die man mal überschreiten kann, mal strikt einhalten muss, bleibt meine Herausforderung. Lasse ich mich von der Angst zu sehr einschränken, depriviere ich; missachte ich sie, begebe ich mich in die Gefahr zu dissoziieren und mich selbst aus dem Spiel zu nehmen. Genau auf diesem schmalen Grat aber geht es lang.
Schließlich komme ich auf Janosch zu sprechen, wie ich den Kontakt wegen einer Zeichnung von ihm zu ihm suchte, und wie meine Schreiben dreimal von qualifizierten Vermittlern (Galerien und Verlag) unbeantwortet blieben, was ich als Missachtung empfand; gleichwohl darin aber auch eine Überforderung zugunsten der Schweigenden detektierte. Missbrauch macht hilflos, nicht nur die Opfer, sondern auch die möglichen Zeugen. Jedenfalls schrieb ich Janosch diese E-Mail:
Sehr geehrter Herr Eckert, lieber Janosch,
wir sind uns zwei oder dreimal begegnet, doch das war vor Jahrzehnten.
Ich bin der Sohn von Helmut Hochrain. Einmal waren Sie Anfang der 60er Jahre in Germering. Sie waren mit einer Freundin da und brausten dann mit ihr im offenen VW-Cabrio davon. Das war für mich, als schiene die Sonne durch die sumpfige Decke der Hölle. Diese Lebenslust und Lebensfreude, die Sie ausstrahlten. waren für mich ein Seelenpflaster, das mich auch heute noch gelegentlich heilt. Ein anderes Mal waren Sie zu Besuch beim Hochrain und signierten für meine Schwester eines ihrer Kinderbücher, indem Sie sich neben meiner Schwester zeichneten und sie dort im Arm hielten. Auch das war ein Moment, der uns Kraft fürs Überleben spendete.
Meine Schwester und ich waren damals längst die Opfer einer von Missbrauch und Misshandlung verdorbenen Familie. Die Mutter stellte mir seit meinem 5 Lebensjahr sexuell nach. Sie vergewaltigte mich, als ich 15 Jahre alt war. Der Hochrain verprügelte uns in sadistischer und unberechenbarer Weise. Als ich 16 Jahre alt war, vergewaltigte er mich. Meine Schwester missbrauchte und vergewaltigte er, seit sie 12 Jahre alt war. Ein letztes Mal sah ich Sie Ende der 60er auf der Leopoldstraße. Ich war mit dem Hochrain unterwegs. Sie trafen sich zufällig und gingen im Citta 2000 auf ein Bier. Mir gefiel, wie Sie den Hochrain beim Aufeinandertreffen so von oben herab im Griff hatten: „Ach, der Hochrain,“ sagten Sie ein wenig amüsiert.
Seit der Zeit sind Sie mir eine angenehme Erinnerung, wenn ich über die Resilienz nachdenke, zu der mir andere Menschen verhalfen, oft waren es nur kleine und kurze Anstöße, wie die wenigen Begegnungen, bei denen ich Sie beobachten konnte. Der Hochrain erzählte manchmal, wie Sie von Ihrem Vater geprügelt wurden, und ich war jedesmal erstaunt, wie wenig er reflektierte, denn er war dergleiche Schweinepriester; vielleicht im Gegensatz zu Ihrem Vater nur eine Drehung bösartiger, denn seine Prügel waren sexuell-sadistische Exekutionen. – Nun ich bin inzwischen seit 11 Jahren mit kurzen Unterbrechungen in Traumatherapie und dabei ein ordentliches Stück seelisch zusammengewachsen.
Heute sah ich bei Twitter die angehängte Zeichnung. Ihretwegen schreibe ich Ihnen. Sie greift den Kindesmissbrauch – mein Thema – auf und pointiert ihn. Deswegen meine Bitte: Könnten Sie mir diese Zeichnung ausdrucken und signieren. Ich komme gerne für Ihre Auslagen auf. Es wäre so etwas wie ein weiteres resilientes Pflästerchen für mich.
Mit herzlichem Gruß
Diese E-Mail erreichte Janosch über die Janosch-Gesellschaft, die ich zuletzt, nachdem ich merkte, dass man mir nicht antworten wollte, als vierte angeschrieben hatte. Binnen drei Tagen erhielt ich von Janosch einen Brief mit dem Ausdruck der Zeichnung und einem „Viel Kraft“. Danke Janosch. Für M.R. war mein Bericht eine angenehme Überraschung; denn als ich erzählte sah sie mich in ungekannter Weise emotional. Sie sah Freude in meinem Gesicht und seltene Wärme und Verbundenheit. Sie sah, wie viel mir dieser kurze Kontakt bedeutete diese schlichte Bejahung meines Leids und den Wert des Trostes der in der Aufmerksamkeit von Janosch mir gegenüber lag. Ja, das war Reziprozität, die ich durch ihn erfuhr. Sie ließ mich in diesem Gefühl verharren und ihm nachspüren. Ich spürte, die Verbundenheit geradezu körperlich, indem ich aus mir überging in eine Weite, die jener glich, die ich am 1. Februar schon beschrieb. Wieder flossen mir Mut und Aufrichtigkeit zu, zusammen mit Wärme und Verbundenheit, waren es die Gefühle, die diese Stunde trugen. Ja, so geht therapeutische Arbeit, ich breche die Steine und der Therapeut begleitet mich dabei, indem er mich auf die Edelsteine in ihnen aufmerksam macht, und auf einmal ist das Schreddern des Abraumes keine Arbeit mehr sondern, ein Ankommen in mir selbst. (Schöne Worte?)
In der Rezeption der empfunden Weite und Verbundenheit wähle ich den Vergleich mit der Kunst des Kintsugi, der japanischen Goldreparatur von zerbrochenen Geschirr. Hier bleibt der Bruch sichtbar, die „Narben“ werden vergoldet. Diese Kunst trägt für mich eine starke Symbolik des Heilwerdens.
Schließlich berichte ich davon, wie Ruth meine Dissoziationen oft sieht, ehe ich überhaupt merke, dass ich schon abwesend und in einer drüben Schleife gefangen bin, in der sich das Elend repetiert. Auch den Stress mit der Konstellation nach dem Tod der Schwiegermutter spreche ich an, schließlich ist hier die Reflektion mit der Problematik mit unserem Sohn auch steter Anlass mich dissoziierend auszuklinken.
Letztlich war da noch zu Beginn ein Moment, mit dem ich meine Selbstverlorenheit gut darstellen konnte. Für die verschlüsselte E-Mail-Verbindung mit M.R. sollte ich mir ein Passwort ausdenken. Mir fiel „Meinerselbst“ ein. Daraufhin meint M.R. ein Sonderzeichen müsse hinzu und empfahl mir ein Ausrufezeichen zwischen Meiner und Selbst. Letztlich sollte noch eine Zahl hinzu. Also sagte ich Null. Und nachdem „Meiner!Selbst0“ geschöpft war, fiel mir auf, wie bezeichnend für meine Situation hier das Unterbewusste mal wieder agierte. „Meinselbst gleich Null“, welche Wahrheit für jemanden der sein Ich, sein Selbst sucht, um komplett zu werden.