Niemand will die Folgen von Kindesmissbrauch sehen

Vor acht Jahren wurde der Missbrauchsfall in der Gemeinde Fluterschen im Westerwald bekannt. Ein 48jähriger Mann, der 2011 zu 15 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt wurde, hatte seine vier Stiefkinder und vier leiblichen Kinder geschändet und misshandelt. Eine Stieftochter vergewaltigte er mit 12 Jahren und führte sie anschließend Männern gegen Geld zu. Den Stiefsohn vergewaltigte er ebenfalls. Als die Stieftochter 16 Jahre alt war, begann er sie zu schwängern. Sie gebar aus den fortgesetzten Vergewaltigungen acht Kinder. Über 20 Jahre terrorisierte er seine Familie und demütigte seine Frau, die allerdings bis zuletzt zu ihm hielt. (Bericht hier)

In Fluterschen munkelte man zwar über den Kindersegen in dem Schandhaus, doch dabei blieb es auch. Mehr wollte man nicht hören und sehen, es könnten ja sonst unangenehme Wahrheiten ans Licht kommen, obwohl die Schändlichkeit des Täters mehr oder minder offen zutage lag.

Ich erwähne diesen Fall vor allem deswegen, weil es von dem Schandhaus, in dem die „Familie“ lebte, ein bezeichnendes Bild gab. Es zeigt das Tathaus und das Nachbarhaus. Das Nachbarhaus ist durch eine hohe weiße Klinkerwand abgetrennt, als wollte man so jeden Blick auf die womöglich erahnten Schändlichkeiten nebenan vereiteln. Diese Mauer symbolisiert gewissermaßen die Scheuklappen, mit denen eine Gesellschaft ihre soziale Kontrolle aufgibt, weil die Wahrheit für sie zu peinigend peinlich ist; weil sie anzusprechen, eben Mut erfordert, und zwar auch den Mut, womöglich einen Nachbarn fälschlicherweise eines Kindesmissbrauchs zu verdächtigen und hierdurch eine „gute“ Nachbarschaft zu gefährden. Dabei müsste eine gute Nachbarschaft gerade eine solche Peinlichkeit ertragen. Doch offensichtlich findet man den Mut nur, wenn für eine kurze Zeit mal alle zur gleichen Zeit ins selbe Horn blasen, wie es derzeit bei #metoo geschieht, und ein jeder noch eine Mutmaßung, einen Verdacht, ein Hörensagen und ein „das habe ich ja schon immer gewusst“ dazugibt, ohne sich etwas über seine eigene Niedertracht zu denken. Denn wenn es wirklich so war, wie hier vorgegeben wird, waren diese Gerechten allesamt durch ihr Schweigen Mittäter. Doch in der Masse mitzulaufen enthebt jeden Mitläufer immerhin jeder Peinlichkeit und Scham.

Doch da gibt es noch einen ganz anderen Punkt, der meist vollkommen in Vergessenheit gerät; er ist quasi der blinde gesellschaftliche Fleck, mit dem die eigene Peinlichkeit des Wegsehens kaschiert werden soll: Es sind die Opfer der Täter, die wir in unserer Mitte dulden. Ihren Opfern gehen wir, sobald die Taten geschehen und ihre Anzeichen lesbar werden, aus dem Weg, wir hören ihnen nicht zu und lassen uns auf kein Gespräch ein. Ja, die Opfer fürchtet eine Gesellschaft mehr als die Täter; denn sie zu sehen, würde einen jeden zwingen, einzuschreiten, wo doch eine gepflegte Zurückhaltung so bequem war.

Allerdings verschwinden die Opfer auch nach der Aufdeckung eines sexuellen Missbrauches schnell aus dem Blick, lieber spricht man über das Monster von Täter, als über das arme zerstörte Opfer; denn das erinnert einen nur an sein eigenes peinliches Versagen. Dementsprechend ist in unserer Gesellschaft die Opferhilfe für all jene, die nach einer Tat an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden, ebenso erbärmlich wie unzulänglich. Auch hier gibt es hohe Mauern, die errichtet wurden, damit man nicht mit dem andauernden Leid der Traumatisierten konfrontiert werden kann. Früher schob man psychisch Kranke in Irrenhäuser am Rand der Stadt ab und besichtigte sie ab und an zum Sonntagsspaziergang als Freakshow. Heute werden viele Posttraumatisierte mit Medikamenten ruhig gestellt und gelegentlich in Talkrunden oder zu Features eingeladen, um das Mitleid der Zuschauer zu erregen. Auch das ist nichts anderes als ein Panoptikum. Die Freaks werden vor die Kamera gezerrt und dürfen ein wenig von ihrem erlittenen Schrecken erzählen. Der Zuschauer trinkt sein Bier dazu, malmt ein paar Chips, seufzt und geht schlafen. Das war’s, der Mohr hat seine Arbeit getan … Der Freak ist vergessen, und der Zuseher weiß, was er auch zuvor wusste, Kindesmissbrauch ist schlimm und hinterlässt zerbrochene erwachsengewordene Menschen.

Doch psychisch Kranke und insbesondere Posttraumatisierte brauchen kein Fern-Mitleid, das einzig den Mitleidenden in seinem Elfenbeinturm nobilitiert. Vielmehr benötigen sie konkrete Hilfe und hierbei vor allem das Gefühl, dass ihnen jemand zuhört, damit sie ihr Leiden am Erlittenen ausheilen können und lernen, wie sie mit den zermürbenden Phänomen ihrer PTBS umgehen sollen. Denn wer an einer PTBS erkrankt ist, dessen Leben tritt auf der Stelle. Er tritt einem Hamster gleich sein Laufrad. Nur in seinem Fall ist es ein Rad des Leidens, das sich von Sprosse zu Sprosse wiederholt, die erlittene Schmach immer wieder abspult, und doch kommt er kein Stück voran; er erfährt keine Lösung, vielmehr chronifiziert sich sein Leid und mit diesem Prozess verschlimmern und verfestigen sich seine damit einhergehenden Persönlichkeitsstörungen.

Der Psychiater Bessel van der Kolk beschrieb in seinem Buch „Verkörperter Schrecken – Traumaspuren in Gehirn Geist und Körper und wie man sie heilen kann“ eine wesentliche Voraussetzung für einen heilsamen Beistand bei einer komplexen PTBS:

„Soziale Unterstützung ist nicht das gleiche, wie einfach nur mit anderen Menschen zusammen zu sein. Der entscheidende Aspekt ist die Reziprozität: daß wir uns von den Menschen in unserer Umgebung wirklich gehört und gesehen fühlen, daß wir das Gefühl haben, ein anderer Mensch bewahrt uns in seiner Seele und in seinem Herzen. Wenn wir erreichen wollen, daß sich unser Körper beruhigt, daß er heilt und sich weiterentwickelt, müssen wir viszeral [gemeint ist das limbische System] ein Gefühl der Sicherheit erleben. Kein Arzt kann Freundschaft und Liebe auf Rezept verschreiben: Sie zu entwickeln erfordert komplexe und schwer zu erlangende Fähigkeiten. Man braucht keine lange Vorgeschichte traumatischer Erlebnisse zu haben, um sich auf einer Party, auf der man mit vielen Fremden zusammentrifft, befangen zu fühlen oder sogar in Panik zu geraten – aber ein Trauma kann die ganze Welt in eine Begegnung mit Aliens verwandeln.“

Das Gefühl von Reziprozität setzt allerdings im therapeutischen Geschehen auch eine längerfristige Zusammenarbeit voraus, damit der Überlebende eines sexuellen Kindesmissbrauchs auch Vertrauen in seinen Therapeuten zulassen kann, auf dass ein intensiver Austausch entsteht, in dem er in seinem Tempo voranschreiten kann und sich durch kein Zeitkontingent gedrängt fühlt. Doch genau das wird, nachdem die neue Psychotherapie Richtlinie (siehe hier) seit April letzten Jahres in Kraft trat, verhindert.

Diese Richtlinie wurde von den Psychotherapeutenkammern und den Krankenkassen im Gemeinsamen Bundesausschuss (siehe hier) ausgehandelt. Der Zweck der neuen Richtlinie war, die psychotherapeutische Versorgung zu verbessern, indem Elemente wie Sprechstunden und Rezidivprophylaxe das Angebot erweitern. Hierdurch sollten personelle Kapazitäten freigesetzt werden, die Therapie konzentrierter ablaufen und ihr abschließender Effekt länger anhalten beziehungsweise ein stabilisierendes Ausschleichen aus der Therapie ermöglicht werden. Allerdings wurde die Gesamtdauer einer Verhaltenstherapie, die bei einer kPTBS angebracht ist, von zuvor maximal 100 Stunden auf 80 Stunden verkürzt.

Mehr Therapieplätze entstehen hierdurch zweifellos, denn sobald eine Therapie kürzer währt, wird auch schneller ein Platz frei. Doch ob hierdurch die Qualität der Therapie zunimmt, mag ich bezweifeln. 50 Minuten währt eine Therapiestunde. Diese Zeit ist schon knapp bemessen – da darf ein Klient nur kurz nach Worten ringen, wenn er sich und sein Problem mitteilen möchte. Um noch weitere Therapieplätze freizuschaufeln wurden zudem zwei Therapieformen geschaffen. Die Kurzzeittherapie mit maximal 2 x 12 Stunden und die Langzeittherapie mit 60 bis maximal 80 Stunden. Voraussetzung für den Beginn einer Therapie ist eine Sprechstunde von 50 Minuten, sowie vier probatorische Stunden.

Allerdings verkürzt die fest einzuplanende Rezidivprophylaxe die eigentliche Therapiedauer. Bei 80 Stunden Therapie beträgt sie 16 Stunden, und bei 40 bis 60 Therapiestunden 8 Stunden. Die Rezidivprophylaxe kann über zwei Jahre gedehnt werden. Sie wird jedoch in das Stundenkontingent einer Langzeittherapie eingerechnet. Das bedeutet, eine Langzeittherapie währt im Grunde maximal 64 Stunden plus 16 Stunden Rezidivprophylaxe. Mit der letzten regulären Therapiestunde beginnt dann eine zweijährige Wartezeit bis wieder eine neue ambulante Langzeittherapie von der Kasse übernommen werden könnte.

Anstatt also die Zahl der kassenzugelassenen Psychotherapeuten zu erhöhen und hierdurch das dringend notwendige Angebot für seelisch kranke Patienten zu erhöhen, ging man den umgekehrten Weg, man verkürzte die reguläre Therapiezeit um 36%, und erhöhte so das Angebot der Therapieplätze um mehr als ein Drittel, ohne einen weiteren Psychotherapeuten bei den gesetzlichen Krankenkassen zulassen zu müssen. Ein scheinbar genialer Trick. Allerdings hilft das keinem Patienten mit einer chronifizierten oder multiplen psychischen Störung, wie sie zum Beispiel bei einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS) vorliegt.

2009 begann ich an einer kPTBS zu leiden. 2011 startete meine Psychotherapie, es war überwiegend eine Stabilisationstherapie. Letztlich wurden mir 90 Stunden (60, 80, 90) von der Kasse genehmigt, damit war ein erster Schritt getan. Dann hatte ich das Glück, dass mit Ablauf dieser Psychotherapie der Fonds Sexueller Missbrauch 10.000 € an Hilfe zusagte. Damit konnte ich weitere 100 Stunden Therapie, diesmal als Konfrontationstherapie, finanzieren und zugleich die zwei Jahre Wartezeit bis zur Wiederaufnahme einer neuen Therapie durch die Krankenkasse überbrücken. Jetzt befinde ich mich nach einem Jahr Therapeutensuche zu Beginn der zweiten Hälfte einer Kurzzeittherapie von 2 x 12 Stunden, in der es hauptsächlich um die Einübung von Fertigkeiten (Skills) geht, mit denen ich die belastenden Phänomene der kPTBS eindämmen beziehungsweise unterbrechen können sollte. Denn ich leide zunehmend an Intrusionen, Flashbacks und Dissoziationen. Insbesondere die Dissoziationen werden mir zum Problem, da ich oft halbe Tage mehr oder minder in einem Stupor verharre.

Es brauchte also rund 200 Stunden Verhaltenstherapie, bis ich das posttraumatische Geschehen soweit zu reflektieren lernte, dass ich fürderhin notwendige Skills einüben und sinnvoll einsetzen kann. Nebenbei tut sich hierbei aktuell eine weitere posttraumatisch bedingte Persönlichkeitsstörung auf, die vermutlich eine weitere Therapiestufe bedingt. Ich meine damit die Struktur von „Meins“, die letztlich dank ihres Facettenreichtums in der aktuellen therapeutischen Arbeit Persönlichkeitsanteile mit eigenständigem Triggerpotential aufdeckt. Diese Phänomene wiederum zu reflektieren und zu integrieren, so dass meine hinzukommenden Fertigkeiten die Trigger tatsächlich zu konterkarieren vermögen, ist jedenfalls keine Angelegenheit, die sich in 24 Therapiestunden erledigen lässt.

An meinem Beispiel zeigt sich, dass mit der neuen Therapierichtlinie allenfalls bei leichteren psychischen Beeinträchtigungen etwas gewonnen ist. Aber das war früher auch schon gegeben. Schließlich konsultiert kein Patient einen Psychotherapeuten, weil es ihm etwas fad ist, und er darum Ansprache und einen seelischen Mülleimer sucht. Dafür gibt es unterhaltsamerer Formen der Begegnung, und wenn es nur das nächste Fitnesstudio ist. Das Problem der psychotherapeutischen Unterversorgung wurde damit jedenfalls nicht gelöst. Solange sich die Zahl der von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannten Psychotherapeuten nicht deutlich erhöht, wird die Unterversorgung auch bei reduzierter Stundenzahl unverändert sein. Halbe Portionen sättigen bekanntermaßen auch nur zur Hälfte.

Gleichzeitig müsste auch die Zahl männlicher Psychotherapeuten erhöht werden, denn so wie Frau im allgemeinen lieber einen weiblichen Therapeuten aufsucht, so bevorzugen Männer eben männliche Therapeuten. Inzwischen kommen freilich auf einen männlichen Psychotherapeuten vier Psychotherapeutinnen; und sich ihrer Rarität bewusst, praktizieren die meisten männlichen Therapeuten lieber privat und nicht auf Kasse. Gerade bei durch sexuellen Kindesmissbrauch posttraumatisierten Männern aber wäre ein entsprechendes Angebot männlicher Therapeuten oft essentiell. Ich selbst kenne in München gerademal zwei männliche Traumatherapeuten. Die Adressen weiterer vier, die ich von einer Traumaambulanz erhielt, waren leider nutzlos, da diese Therapeuten Wartezeiten von wenigstens 24 Monaten hatten, sich also auf gar keine Vormerkungen einlassen konnten. – Im Grunde müssten hier die Kassen – nach feministischem Verständnis – bei der Zulassung neuer Psychotherapeuten eine Männerquote einführen. Doch da Geschlechterquoten in Berufen ohnehin eine absurde Forderung sind, wäre auch hiermit nichts gewonnen.

Jedenfalls zeigt sich mir hier eine eigene Struktur des Missbrauchs. So, wie die weiße Klinkerwand in Flutschern den Blick auf Haus des Verbrechens verstellte, so verstellt ist auch der gesellschaftliche Blick auf die Opfer sexualisierter Gewalt. Man will sie nicht sehen, denn mit ihrem Leiden und ihrer Geschichte weisen sie auf ein gesamtgesellschaftliches Versagen, bei dem die Taten in der Nachbarschaft, in der Familie, im sozialen Umfeld geschehen konnten und vielfach gar ersichtlich geschahen, weil man selbst zu feig, zu faul, zu indolent war, um wirklich hinzuschauen und die Signale aufzunehmen, um das Verbrechen erkennen zu wollen. Ja, darüberhinaus scheint es für manchen geradezu ein Ärgernis zu sein, wenn jemand wie ich erst mit 60 Jahren posttraumatisiert wird. Da liegt doch das ganze Elend schon 60 bis 45 Jahre zurück, und da macht das Weichei heute noch einen Terz darum! – Dabei ist es ein Wissen aller, die beruflich mit älteren Menschen zu tun haben, dass die erlittenen Traumata während der besonders aktiven Lebensphase oftmals perfekt unter der Decke gehalten werden können. Wohingegen die so kaschierten Traumata dann im Alter akut werden und mit schweren posttraumatischen Persönlichkeitsstörungen einhergehen.

Doch überhaupt ist eine PTBS keine temporäre psychische Störung, die in 24 Therapiestunden behandelt werden könnte, sondern sie ist eine massive und schwere Erkrankung der Seele, die die betroffene Person in ihrem ganzen Sein und Wesen so schwer erschüttert, das manche lieber den Freitod wählen, als sich noch einmal mit den Schreckensbildern ihrer Leidensgeschichte auseinandersetzen zu wollen. Meine Traumatisierung durch die Eltern währte bis zum 19. Lebensjahr und setzte sich danach noch durch meinen Drogenmissbrauch für zehn Jahre in anderer Weise fort. Diese 30 Jahre Elend sollen nach der Vorstellung der neuen Therapierichtlinien nach 64 Stunden soweit ausgeheilt sein, dass man mit 16 Stunden Rezidivprophylaxe zwei Jahre überwintern kann, bis dann eine nächste Therapie von der Krankenkasse übernommen werden kann. – Da wurde die weiße Klinkerwand sehr hoch gezogen, damit man nur ja nicht auf das Elend posttraumatisierter erwachsener Missbrauchsopfer blicken muss.

Kindesmissbrauch, Kindesmisshandlung, Kindsvernachlässigung sind Seelenmord und je länger diese Umstände dauerten, umso größer sind die Schäden in den Gehirnen der Kinder und späteren Erwachsenen. Sie sind zum Teil irreversibel. Selbst wenn der Betroffene um die Ursache seiner Persönlichkeits- und Verhaltensstörung weiß, wird er die Störung nicht mehr überschreiben können, sondern nur durch langwierig eingeübte Fertigkeiten soweit eindämmen, dass er ein annähernd unauffälliges Leben führen kann, ohne sich dabei selbst zu schädigen oder zu verletzen, auch ohne eine Reviktimisierung durch seine Mitwelt zu provozieren, oder sich durch sinnlos redundante Nachinszenierungen in destruktiven Stimmungen zu verlieren.

Somit liegt die Forderung auf der Hand: Der Gesetzgeber – an den ich für gewöhnlich so wenig wie möglich appelliere – muss die Voraussetzungen schaffen, damit die gesetzlichen Krankenkassen auch längerfristige Verhaltenstherapien finanzieren. Es kann nicht sein, das eine fragwürdige Methode wie die Psychoanalyse bis zu 300 Stunden bezahlt wird, während eine nachweislich effektive Methode wie die traumabezogene Verhaltenstherapie mit 80 Stunden endet. Solange der Gesetzgeber keinen Schritt in diese Richtung macht, ja bislang noch nicht einmal darüber nachdachte, obgleich von Betroffenen die Forderung hierzu immer wieder vorgetragen worden war, solange glaube ich nicht, dass die weiße Klinkerwand als eine der vielen gesellschaftlichen Strukturen des Missbrauchs überwunden wird.

Es genügt nicht wie mit der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs geschehen, den Opfern eine Stimme zu geben, es muss den Opfern auch unbedingt die Chance gegeben werden, ihr Posttrauma mit therapeutischer Hilfe auszuheilen. Hierfür aber braucht es ausreichend lange Therapien und entsprechend ausgebildete Traumatherapeuten. Wer dies verweigert, schließt die Betroffenen vom Leben aus und belässt sie weiterhin in der psychischen Geiselhaft der Täter.

5 Gedanken zu “Niemand will die Folgen von Kindesmissbrauch sehen

  1. „Ein scheinbar genialer Trick“
    Allerdings sieht es ( auch? ) für mich so aus, – nach Deinen Angaben – als ob es sich eher um einer Ausweitung des Geschäfts per Kapazitätserhöhung zum Zwecke der Umsatzsteigerung handelt.
    Mehr Patienten = mehr Kosten = schöneres BIP!

    Ein derbes Dilemma erwähnst Du m.E. zu kurz und in möglw. mißverständlicher Weise:
    „Diese Mauer symbolisiert gewissermaßen die Scheuklappen, mit denen eine Gesellschaft ihre soziale Kontrolle aufgibt, weil die Wahrheit für sie zu peinigend peinlich ist; weil sie anzusprechen, eben Mut erfordert, und zwar auch den Mut, womöglich einen Nachbarn fälschlicherweise eines Kindesmissbrauchs zu verdächtigen und hierdurch eine „gute“ Nachbarschaft zu gefährden.“

    Es braucht mehr als Mut, nämlich sehr viel Vorsicht, Geschick und Geduld!
    Denn es ist zwar nur sehr ungenau, aber doch recht allgemein bekannt, daß es sehr viele Opfer von unberechtigten Denunziationen in D. gibt, vor allem entzogene und verschacherte Kinder.
    Wohin soll sich ein Mensch wenden, der den Eindruck hat, es könnte irgendeine Form von Mißbrauch vorliegen?
    An die Verwaltung/Profiteure des Kinderhandels?
    Besser nicht!
    Aber andere Möglichkeiten gibt es nicht.
    Also werden die meisten einfach hoffen, daß es schon nicht so schlimm ist. Oder „der Staat“ von sich aus irgendwie aufmerksam und tätig wird.

    Tatsächlich fehlt die direkte soziale Kontrolle und Unterstützung ( als übliche familiäre, nachbarschaftliche und soziale Funktion ), in den westlichen Gesellschaften nahezu vollständig. Und durch solche Ausweitungen spezieller Fallbereiche und die Isolation in denselben, wird das Problem sogar noch vergrößert.

    Wenn ich ein Gutachten brauche, um verrentet zu werden, oder eine bestimmte Form sozialer Fachunterstützung – bspw. aufgrund einer Behinderung – zu bekommen, kein Problem. Das ist recht kurzfristig machbar. Möchte ich aber eine ganz allgemeine Diagnose, um zu erfahren, oder gar zu belegen, woher dieses Handicap stammt, was die Ursachen sind, keine Chance ( außer ich kann mir „die Couch“ kaufen ).

    Dazwischen, also zwischen dem direkten familiären Unterstützungssystem, welches in der Kernfamilie zu klein ist und v.dh. im konkreten Fall oftmals versagt und der überspezialisierten Symptombehandlung, gibt es praktisch gar nichts, jedenfalls nichts, was Gefahren schon präventiv, oder zumindest frühzeitig erfassen und z.T. abdecken oder ansonsten weiterleiten könnte. Außer den politischen Frauenförderungsinitiativen ( Frauenhäuser, Investigativvereine u.ä.m. ) und die sind meist eher als kontraproduktiv zu betrachten, da sie dazu neigen rein geschlechtsspezifisch vorzugehen und Täter(Innen) zu protegieren o. gar zu fördern ( grob verkürzt gesagt ).

    Die, die die Beratungsstellen frequentieren und dann zwangsläufig zu den Jugendämtern getrieben werden, sind großteils genau die, welche Du hier beschreibst:
    “ Es sind die Opfer der Täter, die wir in unserer Mitte dulden. Ihren Opfern gehen wir, sobald die Taten geschehen und ihre Anzeichen lesbar werden, aus dem Weg, wir hören ihnen nicht zu und lassen uns auf kein Gespräch ein. Ja, die Opfer fürchtet eine Gesellschaft mehr als die Täter; denn sie zu sehen, würde einen jeden zwingen, einzuschreiten, wo doch eine gepflegte Zurückhaltung so bequem war.“

    Genauer, die davon, welche gern hysterisieren, sich als „Aktivisten“ beliebt machen wollen und im Endeffekt meinen, sie könnten so tatsächliche Opfer aus ihrem Blickfeld verschwinden lassen. Abgeliefert, abgehakt, erledigt. Die #metoo-Blockwarte.

    Ich weiß nicht, ob Du Dich noch an meine groben Thesen zu sozialen Zentren auf Dorf- o. Stadtteilebene erinnerst, die ich vor Jahren mal im Forum von Karin Jäckel beschrieben habe.
    Da ging es mir um genau diese Themenstellung.
    http://forum.karin-jaeckel.de/index.php?page=Thread&postID=81#post81

    Es fehlt das Miteinander, die Bildung sozial selbstverantwortlich handelnder Gruppen in entsprechenden Größen und Zusammensetzungen.
    Statt dessen wird möglichst lukrativ Flickwerk auf Flickwerk geschustert.
    Was zwangsläufig längst an der Grenze der Bezahlbarkeit rangiert und schon dadurch zu weiteren Problemen führt und sich so seine „Kundschaft“ selbst erschafft und sich perpetuiert.

    Ganz ehrlich, ich sehe da auch keinen Ausweg.

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    • Servus Fiete,

      die Idee der Großfamilie als Gemeindezentrum finde ich grundsätzlich apart, gleichzeitig fürchte ich sie auch, denn selbst von der Alternativbewegung der 70er und 80er Jahre geprägt, kenne ich den Druck der Kollektive auch als Bedrohung und Schussermühle der Gleichmacherei. Ähnliches erleben wir ja gerade aktuell durch die sozialen Medien und die SJW. So wie damals stehen auch heute hinter diesen Bewegungen wieder kommerzielle Interessen, die in der Summe vielfältiger persönlicher Karriereabsichten eine totalitäre Emergenz erbrüten.

      Ebenso gibt es die Emergenz des Wegschauens, als auch der Bezichtigung. Wir erleben beides ebenso aktuell. Wie Du sagst, die wahren Opfer werden im Zuge von #metoo übersehen, während andere diesen Hype für ihre Karriere oder Organisation nützen. Das zeigt, der erkennende Blick auf eine „Peinlichkeit“ hängt weit mehr von der künftigen Absicht ab, als wir glauben wollen. Menschen agieren eben häufig berechnend.

      Doch auch eine Gemeinschaft kann oft nicht schützen. Die Filmbranche z.B. ist ein Dorf, man kennt sich und weiß, der benimmt sich so und jene hat jenes Laster. Und auch hier gibt es Mokita. Und löst sich das Schweigegebot auf, erzählt man sich, was alle gewusst oder gemutmaßt haben. Doch ob sie es wussten oder nur mutmaßten ist ein großer Unterschied; denn auch Mokita kann Täuschung sein.

      Somit liegt die Verantwortung wieder beim einzelnen, ob er seinen Mund aufmacht oder schweigt. Dieses Dilemma lässt sich kaum lösen. Den einzigen vernünftigen Rat, den ich dazu weiß, wäre das Hilfetelefon sexueller Missbrauch 0800 22 55 530. Ich weiß nicht, ob es einen bei einem Verdacht weiterhilft, denn ich habe dort noch nicht angerufen. In jedem Fall sollte man mit ernsthaften Menschen darüber sprechen. Aber auch das muss keine Lösung sein, wie wir aus dem Fall Staufen bei Freiburg wissen. Hier hat der Vermieter die Polizei informiert, weil ihm das Verhalten seiner Mieterin und ihres Kindes auffiel. Die Polizei aber zog unverrichteter Dinge ab, weil sie den Verdacht für zu diffus hielt. Oder im Fall Flutscheren munkelte man am Stammtisch, doch niemand wagte es, den Täter zu konfrontieren.

      Ja, und letztlich sind es in der Tat die vielen Falschbezichtigungen, die Polizei und Gerichte ermüden, einen Fall auszuermitteln. Wenn die Plausibilität nicht gegeben ist, schwindet das Interesse. So geschehen in Staufen: Der Täter stand vermeintlich auf Mädchen, also war der Verdacht, er könnte auch den Jungen missbrauchen, sofort vom Radar.

      Ciao Lotosritter

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  2. Vielen Dank für den Text, der ebenso bedrückend wie beeindruckend ist. Bei aller Intensität ist er ja auch sehr sachlich und klar. Das, obwohl es um absurde, schreckliche Situationen geht, wie etwa die 24 Monate Wartezeit für jemanden, der in großer Not ist. Ist das Gedankenlosigkeit, oder einfach ein zynisches Kalkül? Oder vielleicht auch einfach Angst davor, was jemand sehen würde, wenn er einmal hinschauen würde?

    Ich weiß nicht, ob das für Dich interessant ist – aber ich hatte gerade vor kurzer Zeit schon einmal ein Text beinahe zum selben Thema gelesen. Ein ganz anderer Hintergrund der Not, auch ein ganz anderer politischer Hintergrund, von der Feministin Robin Urban nämlich – aber mit sehr ähnlichen Schlussfolgerungen. Offenbar ist die Not so groß und so offensichtlich, dass Menschen aus ganz unterschiedlichen Richtungen zu ähnlichen Beobachtungen und Ergebnissen kommen.
    https://robinsurbanlifestories.wordpress.com/2018/02/07/kreisen-ihre-gedanken-darum-sich-das-leben-zu-nehmen-hier-finden-sie-hilfe/

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    • Nun, manche weisen daraufhin, dass die 24 Monate Therapiepause so gar nicht gelten würden, denn man könne in akuten Fällen dennoch eine Therapie beantragen, wobei ein solcher Antrag allerdings gleich ins Gutachterverfahren käme. Soweit die Theorie, doch die Praxis zeigt, dass ein solcher Antrag kaum genehmigt werden würde. Wenn überhaupt hätte man Aussicht auf Erfolg, wenn man von der Diagnose PTBS zur Depression wechselt; also eine von der ersten verschiedene Diagnose verwendet.

      Grund für die 24 Monate Therapiepause ist die Vorstellung, dass andernfalls ein Patient zum Dauerpatienten werden könnte, sprich seine Störung durch fortgesetzte Therapie chronifiziert werden würde. Auch verhält sich die Kasse oft spröde, wenn die gleiche Diagnose nach zwei Jahren wiederum Anlass für einen neuen Antrag ist. Weswegen Psychotherapeuten solche Patienten lieber abwimmeln, als neue Anträge zu stellen, die als arbeitsaufwendig gelten.

      Danke für den Blogartikel von Robin Urban, sie hat das Dilemma sehr gut skizziert. Dabei fielen mir meine probatorischen Stunden zum Jahreswechsel 2016/2017 ein, wovon ich die extraordinären in fünf eigenen Artikeln beschrieb: https://lotoskraft.wordpress.com/?s=Probatorische

      Außerdem hatte ich noch eine interessante Erfahrung mit der Aufnahme und dem kurzfristig darauffolgenden Abbruch einer analytischen Therapie: https://lotoskraft.wordpress.com/2017/01/25/therapie-als-krampf-und-kampf/

      Angst, dass ein Patient durch die Therapie eher durchblicken könnte, glaube ich nicht, dass dahintersteht. So wie die Therapeuten arbeiten, wird kein ausgeheilter Psycho zum Revolutionär. Wenn die Therapie gut war, vielleicht in eigener Sache, aber dann war sie schon sehr gut.

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