Strukturen des Missbrauchs beim Umgang mit Tätern

Dieser Tage sahen meine Frau und ich bei Netflix die Doku-Serie zum Fall Jeffrey Epstein. Die Dokumentation triggerte uns beide aufgrund unseres Hintergrundes als Betroffene; meine Frau war besonders getriggert. Es waren weniger die Taten der Vergewaltiger in der Doku, als die Umstände unter denen sie geschahen, die ihr zusetzten. Denn die Verbrechen waren so angelegt, dass die Opfer des Zuhälterrings so trickreich angelockt wurden, dass sie sich nach erfolgtem Missbrauch selbst als schuldig empfanden; so als hätten sie ihre Vergewaltigung schuldhaft ermöglicht. Die minderjährigen Mädchen wurden meist von Ghislaine Maxwell, der Komplizin Epsteins, ausgewählt und für den geplanten Missbrauch vorbereitet. Da die Mädchen überwiegend aus prekären Familien stammten, waren sie mit etwas Geld – für gewöhnlich 200 $ – leicht anzulocken.

Die Vergewaltigungen der Mädchen liefen meist nach dem gleichen Schema ab. Man spiegelte ihnen vor, dass sie nur Massagen geben sollten, wobei keines der Mädchen eine Ahnung von Massage hatte. Im „Massageraum“ lag dann Epstein oder einer seiner „Freunde“ bäuchlings und nackt auf der Massagebank. Die Mädchen begannen mit einer Fußmassage. Dann drehte sich der Typ um, und der Missbrauch oder präziser gesagt die Vergewaltigung wurden konkret. Diese ersten Begegnungen fanden häufig in der Villa Epsteins in Palm Beach statt. Fortgesetzt wurden die Vergewaltigungen, sofern ein Mädchen für den inneren Kreis der Opfer ausgewählt worden war, in Epsteins Haus in New York oder auf seiner Privatinsel in der Karibik. Hier kamen die Mädchen auch mit anderen Männern von Rang und Namen zusammen. Die Liste der Beteiligten über die gemunkelt wird, dass sie sich minderjährige Mädchen – die jüngsten waren elf Jahre alt – vom Zuhältergespann Epstein und Maxwell zuführen ließen, ist lang und prominent; die Clintons zählen ebenso dazu wie Prinz Andrew. Jedenfalls war es ein hermetischer Kreis von Mächtigen und Schwerreichen.

Dass man mit viel Geld Gerichte soweit manipulieren kann, dass am Ende ein Freispruch oder nur eine milde Strafe herauskommt, ist eine Allerweltsweisheit. Bei Epstein war das nicht anders. 1996 zeigten ihn zwei seiner Missbrauchsopfer beim FBI an. Das FBI begann jedoch keine Ermittlungen. 2005 gab es eine erneute Anzeige bei der Polizei in Palm Beach, die diesmal mit dem FBI ermittelte. 2006 waren weitere 50 Missbrauchsopfer ausfindig gemacht. Epstein wand jedoch eine Gerichtsverhandlung ab, indem er mit der Staatsanwaltschaft einen Deal aushandelte und sich in einem Fall der Zuhälterei einer Minderjährigen schuldig bekannte. Hierfür erhielt er eine 18monatige Haftstrafe, von der er 13 Monate im Freigang verbrachte. Der Rest der Strafe wurde ihm auf Bewährung erlassen.

Von diesem Moment an war landesweit bekannt, dass Epstein ein Sexualverbrecher war, und dass die Gerüchte um seinen Privatjet, dem „Lolita-Express“, mit dem er minderjährige Opfer und deren Vergewaltiger auf seine Insel fliegen ließ, auf Tatsachen beruhten. Gleichwohl änderte sich am Umgang der High Society mit ihm so gut wie nichts.

Und hier beginnt für mich das eigentlich monströse an diesem Verbrechen. Es schien fast, als wäre Epstein durch die Fama, die ihn von nun an für jedermann offen umgab, eine noch exklusivere Figur geworden, die man sich gerne aus der Nähe betrachtete. Seine Partys waren ein Magnet für Künstler, Geschäftsleute und Politiker. Seine Stiftung verteilte Gelder; und Epstein ließ sich als Förderer mit Wissenschaftlern ablichten. Man drängelte sich, um mit ihm am Tisch zu sitzen. Niemand der illustren Gesellschaft störte sich an dem windigen Deal, durch den jegliche weitere Untersuchung oder Anklage verhindert wurde. Da war ein hundertfacher Kinderschänder und Zuhälter, der sich freikaufen konnte, und man hielt zu ihm, als sei mit dem später als illegal erklärten Deal, nicht nur alles ad acta gelegt worden, sondern auch nie geschehen. Es ist – nur etwas illustrer – das gleiche korrupte Verhalten, wie wir es von den „gewöhnlichen“ Missbrauchsfällen her kennen.

Orden für kriminelle Vertuscher

Die Bischöfe, die die Vertuschung von Kindesmissbrauch mit zu verantworten haben, werden nicht belangt, sondern bleiben ehrbare Verhandlungspartner an die der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) appelliert; gegen die kein Staatsanwalt ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung einleitet; ja von denen über 30 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurden; die meisten mit dem Großkreuz und darüber; schließlich war ihr Verdienst die moralische Aufrüstung der Bundesrepublik. Im Gegensatz dazu wurde meines Wissens bislang kein Opfer klerikalen Missbrauchs, das sich in ehrenamtlicher Arbeit darum sorgt, dass die klerikalen Verbrechen aufgedeckt werden und die Opfer zumindest eine kleine – demütigende – „Anerkennungszahlung“ erhalten, mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet. Dagegen mussten sich die Opfer bis vor zehn Jahren noch verstecken, und falls sie sich dennoch offenbarten, wurden sie verachtet, verleumdet und ignoriert und somit ein weiteres Mal geschändet. Derweil wamsten sich Politik und Medien weiter an die Bischöfe ran und ließen sie seit Beginn der nicht abreißenden Diskussion und Aufdeckung nach ihrem Gusto agieren; ebenso wie man in den USA Jeffrey Epstein weitere zehn Jahre agieren ließ. Doch dort konnte man sich wenigstens dazu aufraffen, dem fortgesetzten Missbrauch ein Ende zu setzen, indem man den Serienvergewaltiger 2019 verhaftete.

Odenwaldschule, ein Muster moralischer Verkommenheit

Hierzulande ist es anders – noch täterfreundlicher -, hier wurde zum Beispiel der Artikel „Der Lack ist ab“ von Jörg Schindler in der Frankfurter Rundschau aus dem Jahr 1999 (Link), in dem er über den sexuellen Missbrauch in der Odenwaldschule und dessen Vertuschung berichtete, bewusst übersehen. Auch die evangelische Kirche in deren Kirchentagspräsidium der Haupttäter und Leiter der Odenwaldschule, Gerold Becker, bis 1997 saß, sah sich nicht genötigt, sich vernehmbar von ihm zu distanzieren (Link). Das war elf Jahre vor 2010. Gerold Becker blieb bis zu seinem Tod ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft, während etliche seiner kindlichen Opfer ein prekäres Leben führten oder sich als späte Folge des Missbrauchs das Leben nahmen (Link).

Ja, die Ehrbarkeit des Pädokriminellen Gerold Beckers wurde auch zu seinem Tod im Juli 2010 noch einmal hervorgekehrt, als er in seiner Todesanzeige in infamer Weise überhöht und seine Opfer als Schwächlinge erniedrigt wurden, dazu wählte man folgendes Gedicht von Goethe aus den „Zahmen Xenien“ (Link):

„Die Feinde, die bedrohen dich, / Das mehrt von Tage zu Tage sich; / Wie dir doch gar nicht graut!‘ / Das seh‘ ich alles unbewegt, / Sie zerren an der Schlangenhaut, / Die längst ich abgelegt. / Und ist die nächste reif genug, / Abstreif‘ ich die sogleich, / Und wandle neu belebt und jung / Im frischen Götterreich.“

Die Reaktion: vereinzelte Empörung, derweil die Gesellschaft weiter zusieht, wie dem verblichenen Verbrecher Kränze gewunden werden. Eifrig dabei ist sein einstiger Lebensgefährte Hartmut von Hentig, der die Opfer zu Tätern stilisierte, indem er laut spekulierte, sein toter Freund Becker „sei zum Objekt kindlicher Verführung“ geworden (Link).

Ein Standardmuster, die Opfer verhöhnen

Im dritten Band seiner Autobiografie „Noch immer mein Leben“, der 2016 erschien, zeigt von Hentig, dass er nichts dazugelernt hat. Er mimt weiter den Unwissenden, der von den nächtlichen Ausflügen seines Freundes in die Betten seiner Schutzbefohlenen nichts geahnt und gewusst hatte. Gleichzeitig verhöhnt er die Opfer mittels erbärmlicher Hinterhofpsychologie an ihrer Traumatisierung selbst schuld zu sein: „Weil die späte Scham über den eigenen Anteil an der Liebesbeziehung, gar über eine Einwilligung in sie der wichtigste Auslöser einer Traumatisierung ist“. Dieser dritte Band wurde von der Kritik geschmäht. Deutliche Worte fand Volker Breidecker in der SZ (Link). Er fasste über von Hentigs Diffamierung der Opfer zusammen:

„Und er begegnet den Opfern Gerold Beckers mit Infamie und ihren Zeugnissen mit dem Gestus des Großinquisitors: Heuchler und Verräter sind es in seinen Augen, gnadenlose „Rächer“ mit verkorksten Biografien, die als von fremder Hand erlittene Traumata ausgeben, was sie sich im Abstand vieler Jahre an Verletzungen entweder eingebildet haben oder was ihnen von außen – von Therapeuten, Journalisten und anderen Moralaposteln – eingeredet worden sei.“

Und schließlich weist er auf den Schwurbel aller Vertuscher hin, die so gerne das große Sowohl-als-Auch bemühen, um ihre Hände in der Lake ihrer Bösartigkeit zu waschen:

„Am Ende löst sich für Hartmut von Hentig ohnehin alles in Theologie auf: Die Täter sind Opfer ihrer Triebe, die Opfer sind es nicht weniger, und Sünder sind sie alle. Im Bewusstsein ererbter Sündhaftigkeit ergeht das Gebot zur Versöhnung mit denen, die einem unabänderlichen Triebschicksal ausgeliefert sind: der „Großmacht Sexualität“.

Täterbeistand ist gesellschaftliche Selbstheilung

Doch die harsche Kritik änderte nichts an der gesellschaftlichen Hochachtung, die Hartmut von Hentig nach wie vor genießt. Es ist wie bei Jeffrey Epstein, dem Woody Alan zur Party hinterherschwänzelte. Man bleibt in seiner Blase und steht dem Dreckspatzen bei, solange er nicht das eigene Nest beschmutzt, sondern mit ihnen in den Opfern die aus dem Nest geworfenen Schmutzfinken erkennt. So ist es geradezu typisch für dieserart flankierende Strukturen des Missbrauchs, dass von der Mitwelt der Täter Gelegenheiten dankbar angenommen werden, zu denen man sich selbst versichert, dass alles nicht so schlimm oder gleich gar nicht geschehen sei. Schließlich ist es für die meisten ein Grauen, zugeben zu müssen, dass sie sich in einer Person und damit in sich selbst zutiefst getäuscht hatten. So etwas wurmt lange und beschädigt auch das Selbstvertrauen. Darum der Herdeninstinkt, sich um das vermeintlich schwarze Schaf zu scharen, denn: „Jemand von uns tut doch so etwas nicht.“

Dementsprechend geht es auch mit Hartmut von Hentig weiter. Er war ja weder Täter noch Mitwisser, wie er eifrig versichert, und dass er Beckers Opfer in seiner Biographie bezichtigte, den armen Mann verführt zu haben, muss man so genau nicht wissen, denn man hat sie ja selbst nicht gelesen, sondern nur durch böswillige Kritiker davon erfahren. Folglich ist es auch Selbstschutz, wenn man die Gelegenheit nützt und an prominenter Stelle in der FAZ mit einer fetten Geburtstagsanzeige für den 95 Jahre alt gewordenen von Hentig Flagge zeigt, dass man zu ihm und damit zu seiner eigenen Geschichte des vertuschens, wegschauens und relativierens steht. Nein, man war nie Mittäter, sondern stets wohlwollender Förderer neuer pädagogischer Wege, und der Missbrauch war dieser Pädagogik nicht immanent, sondern es waren beklagenswerte Ausnahmen, wenn sich mal ein Lehrer nicht im Griff hatte.

Demgemäß versammelte sich in der Geburtstagsanzeige für Hartmut von Hentig die Creme deutschen „Bildungsbürgertums“ von Verlegern, Schriftstellern, Pädagogen, Ärzten, Professoren und Politikern, etliche davon arbeiten explizit mit Kindern als Kinderbuchverleger, Ärzte oder Pädagogen. Sie alle stehen zu einem Mann, der Überlebende ihres durchlittenen Kindesmissbrauchs verhöhnte. Sie zeigen Gesicht und damit den Überlebenden auch, wo ihr Platz ist. Diese überlebenden Versager, denen nichts besseres geschehen konnte, als der „Liebe“ eines Gerold Beckers teilhaftig zu werden, werden immer prekäre Figuren bleiben. Wir die Leute, die den Täter ehren, haben das sagen und damit den Fug und die Macht, über moralische Werte zu befinden. Als Kind oder Jugendlicher vergewaltigt worden zu sein, ist für sie jedenfalls eine Schande; allerdings keine Schande für den Täter, sondern allein für dessen Opfer.

Prof. Holm Putzke sagte dazu in einem Interview für das katholische Online-Magazin kath.net:

„Solange jemandem wie Hartmut von Hentig öffentlich mit Glückwünschen gehuldigt wird, sind wir noch weit davon entfernt, eine ehrliche und schonungslose Debatte zu führen über sexuellen Kindesmissbrauch sowie über seine Ursachen und die Strategien des Vertuschens, Verleugnens und Bagatellisierens.

Das Interview fiel der redaktionellen Zensur von kath.net zum Opfer, da Putzke die katholische Kirche als „größte Täterorganisation im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der bundesdeutschen Geschichte“ bezeichnete. Es erschien darauf beim humanistischen Pressedienst (Link).

Was kein Einzelfall ist prägt Strukturen

Dieselbe Haltung zur Vergewaltigung von Kindern zeigte übrigens ein anderer Odenwaldschüler, von dem man nicht weiß, was ihm angetan wurde. Jedenfalls ließ er sich insoweit etwas antun, indem er den Stereotyp vom sexuell aktiven Kind übernahm und öffentlich kolportierte. Es war Daniel Cohn Bendit, der darüber schwadronierte wie wahnsinnig erotisch es sei, als Mann von einem fünfjährigen Mädchen angemacht und intim angefasst zu werden. Egal, ob er diese Sätze später als „Scheiße“ qualifizierte, in seinen Worten und seiner „Vorstellung“ war es das Opfer, das Kind, das den armen Erwachsenen bedrängte. Ich bloggte vor vier Jahren darüber (Link).

Auf ihn, der seine Aussagen heute nicht mehr wahrhaben will, lässt sich auch Goethes Gedicht aus der Todesanzeige für Gerold Becker münzen. Dort stellt er im dritten Vers die Frage, die an alle alten Nazis und 68er ebenso relativierend wie verzeihend gerichtet sein könnte: „Dürftet ihr den Guten schelten, der mit seiner Zeit gesündigt?“

1975 schrieb er den gleichen Dreck in seinem Buch „Der große Basar“. Und wieder waren die wahren Täter die Kinder, seine „phantasierten“ Opfer:

„Mein ständiger Flirt mit allen Kindern nahm bald erotische Züge an. Ich konnte richtig fühlen, wie die kleinen Mädchen von fünf Jahren schon gelernt hatten, mich anzumachen. Es ist kaum zu glauben. Meist war ich ziemlich entwaffnet. (…) Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. Ich habe je nach den Umständen unterschiedlich reagiert, aber ihr Wunsch stellte mich vor Probleme. Ich habe sie gefragt: „Warum spielt ihr nicht untereinander, warum habt ihr mich ausgewählt und nicht andere Kinder?“ Aber wenn sie darauf bestanden, habe ich sie dennoch gestreichelt.“

In diesem Zusammenhang bloggte ich ebenfalls vor vier Jahren (Link) über die widerliche, „ehrbare“ Gesellschaft, die es sich nicht nehmen ließ, diesem „verbalen Kinderpornografen“ bei sich wiederholt bietenden Gelegenheiten stehenden Applaus zu spenden. Denn viele von denen, die ihn heute applaudieren, applaudierten ihm auch, als er diesen Dreck von sich gab. Womit sie auch ihre wie seine niederträchtige Gesinnung demonstrieren, sich jedem Windchen zu beugen; denn damals galt das Gefasel vom „Sex“ mit Kindern als avantgardistisch und entsprechende Forderungen nach einer „liberalisierten“ Gesetzgebung waren wohlfeil. Ja viele widersprachen ihm damals nicht, denn das galt als konservativ und spießig – im heutigen Duktus „voll Nazi“. Sodann wusch man mit dem späten Applausregen auch seine eigene feige Niedertracht weg.

Die Familie nimmt die Strukturen des Missbrauchs vorweg

Die gesellschaftliche Bemäntelung der Schandtaten „honorabler“ Verbrecher findet auch in den Familien ihre Entsprechung; schließlich sind sie die kleinsten Einheiten einer Gesellschaft wie eines Staates. Auch hier gilt der spießige Zwang, den Eltern jede Schandtat zu verzeihen und nichts auf die Familie insgesamt kommen zu lassen. Ein Missbrauch in der Familie ist eine derart abgrundtiefe Schändlichkeit, die niemals nach außen getragen werden darf; kein Polizist, kein Richter, kein Anverwandter und Bekannter, kein Therapeut darf darum wissen. Wer es dennoch hinausträgt, ist ein Nestbeschmutzer, ein Quertreiber, der sich nur profilieren möchte, indem er den guten Ruf der Familie zerstört.

Bei mir war es ebenso. Solange ich den Mund hielt, war ich geduldet. Doch nachdem ich anfing, darüber zu sprechen, wollte man mich nicht mehr im Kreis der Familie dulden. Man schützte lieber die Täter, als ihr Opfer. Heute habe ich zu dieser Familie keinen Kontakt mehr, und ich bin froh darüber.

Doch in vielen Familien findet der Missbrauch häufig indirekt statt, man lässt missbrauchen, weil man sich etwas erhofft. Die eigenen Kinder sind die Währung, mit der bezahlt wird. Dieses spezifische Verhalten war ein Hintergrund in der Netflix-Serie, der meine Frau so stark triggerte, dass sie nach über 50 Jahren mir gegenüber konkret ansprach, was sie zuvor nur angedeutet hatte. Auch bei ihr überwog bislang der Reflex, die Eltern nicht in ihrer ganzen Schändlichkeit zu zeigen.

Da war ein Zahnarzt, in den sich die Mutter vergafft hatte, und dem sie deswegen die sechsjährige Tochter im Behandlungsstuhl zum Bohren an anderer Stelle alleine überließ. Da war der Vater, der damals schon auf dem Weg zum Guru war und von daher erkannte, dass seine Tochter besessen war. Also fuhr er sie in eine Villa mit weitläufigem Park am Starnberger See zu einem Exorzisten, und der nahm die Erlaubnis des Vaters in Anwesenheit der Tochter gesprochen: „Sie können mit ihr machen, was sie wollen und müssen“, wörtlich, und machte bei ihr Fellatio.

Meine Frau war damals acht Jahre alt. Danach ging sie nicht mehr zum Spielen hinaus, sondern saß über Wochen in ihrem Zimmer unterm Dach und drehte Schusser auf einem runden Tablett. Bis zum nächsten Mal vergingen noch einmal acht Jahre, dann verkuppelte die Mutter sie an einen Sadisten, der sie vergewaltigte und grausam prügelte. Auch hierüber bloggte ich (Link). Zudem wurde ihr immer wieder ihre Jugend und körperliche Entwicklung vorgehalten, mit der sie die Männer bewusst kirre machen würde; so als wollte man schon für den Fall der Fälle die Schuldige markieren. All diese schwüle Sexualisierung, bei der man sich von notgeilen Manns- und Weibsbildern umzingelt sah, die durch jede Ritze des Hauses eindrangen und überall ihre Brunftmarken setzten, nur um von der läufigen Tochter verführt zu werden. So hitzig waren die Phantasien und Bezichtigungen, die letztlich nur Projektionen zweier puritanischer Eltern waren, die mit ihren Trieben und Lüsten nicht zurechtkamen und in unreifer, verklemmter Weise, die Tochter schützen wollten, indem sie sie vernachlässigten, als kommenden Sündenbock erkannten und somit gerade jenen auslieferten, die ihr das antaten, was sie in ihrer klebrigen Pantasie befürchteten. Stattdessen belebte die mit dieser denunziatorischen Wucht alleingelassene Tochter ohne zutun ihren Albtraum. Ja, sie wollten ihr Kind nie beschützen, sondern nur sich selbst vor einer sie erschreckenden Sexualität bewahren. So ermöglichten sie die Verbrechen erst und signalisierten der Tochter zugleich, sie im Falle des Falles mit Fakten zu verschonen, denn sie wollten nicht wissen, in welchem Sumpf sie das Mädchen waten ließen.

So war ihre Familie ebenso wie die meine ein Abklatsch der Gesellschaft. Jede in ihrer Weise typisch. Die meine ein Hort der Verbrecher, die meiner Frau ein Kral der Verleugner, doch beide darauf bedacht in ihrer Umgebung als eine perfekte Einheit dazustehen.

Also flicht man weiter Kränze für die Täter, hängt ihnen Orden um und drängt sich auf ihre Gesellschaften, um diese Miststücke mit der eigenen verkommen Ehrbarkeit weiß zu waschen. – Nicht die Kinder machen die Kinderschänder, sondern wir allesamt, die wir lieber die Täter und mit ihnen unsere eigene kleine Schändlichkeit schützen. Es liegt an jedem von uns, diese Aussage umzusetzen und dort, wo sie für ihn stimmt, aufzuheben, indem wir nicht mehr weghören, wegsehen, schweigen, sondern uns selbst zur Zivilcourage erziehen. Es geht … Voraussetzung ist ein wenig Ehrlichkeit zu sich selbst; ein wenig Mut zur Selbstbeschämung, wenn man feige war; sich nicht selbst herausreden, wo man versagte; nicht mehr mitmachen, wo andere sich einreihen; all die edlen Dinge, die eigentlich zur Ehrbarkeit zählen. Andernfalls bleiben wir die ehrlose, korrupte Gesellschaft, die wir sind und die ihre Kinder verrät.

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