Das Kainszeichen, Rezension eines Hörbuchs von Carl Ricé

Diese Geschichte endet, wie sie angefangen hatte. Es ist die Geschichte eines missbrauchten Kindes, eines Jungen, der über Jahre von seinem Stiefvater und einem älteren Mitschüler vergewaltigt wurde. Es ist die Geschichte von Pierre Noir, die Carl Ricé ihn stellvertretend für seine eigene Geschichte erzählen lässt. Sie ist ein Ouroboros, ein Drache, der sich selbst verschlingt, endlos verschlingt, denn er frisst seinen Schwanz, der ihm ohne Unterlass Bissen für Bissen nachwächst. Die gefälligste Deutung dieser Metapher ist, dieser Drache, symbolisiert den Kreislauf von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt. Im Kainszeichen von Ricé, der dieses Jahr 75 Jahre alt wurde, zeigt sich der Drache indes als fortwährender Albtraum des Missbrauchs. Er erzählte diese Geschichte erstmals als Lesung 1992 auf der Bühne der „Kreßlermühle“ in Augsburg. Seitdem trug er sie wiederholt vor. Jetzt 30 Jahre später zu seinem 75. Geburtstag erschien sie als Hörbuch. Es ist ein lyrischer Text; präziser noch, es ist ein erschreckendes Epos über Kindesmissbrauch; erschreckend auch, dass ein Lied über schändlichste Gewalt so schön klingen kann, dass einem Jungen die Seele gemeuchelt wurde und der zertrümmerte Rest in ihm gleichwohl noch so viel Feinsinn in sich birgt, dass er seine Hölle besingen kann.

Das Lied beginnt mit der Feststellung: „Beginnen, da wo es anfängt“, und setzt den Erzähler bereits mit dem nächsten Satz, der Frage: „Aber wo beginnt die Geschichte einer Vergewaltigung?“, ins Dilemma, denn so gut wie jedes Missbrauchsopfer hat diesen Zwiespalt durchlitten. Die Täter sind keine Raubtiere, sie springen ihre Opfer nicht unvermittelt an, sondern umschleichen sie; puppen sie ein; schaffen Vertrauen, ehe sie Hand anlegen. So der erste Täter, der den achtjährigen Pierre vergewaltigte. Der Bursche war doppelt so alt. Er zeigte ihm seine Modelleisenbahn und gab sich als Pierres Freund. Vier Jahre lang vergewaltigte er seinen kleinen „Freund“. Doch schon vor der Tat, war Pierre durch seinen Stiefvater „reif“ geprügelt worden. Dem konnte er sich somit ebensowenig anvertrauen wie der Mutter, die ihn für ihr mieses Schicksal verantwortlich machte: Ohne ihn, Pierre, wäre alles viel besser verlaufen. Wohl darum prügelte auch sie ihren Jungen wund, bis der Kochlöffel auf seinem Hintern zerbrach. Als er es dennoch einmal wagte, die Mutter zu fragen, warum sie ihn nicht vor dem Vater beschütze, bekam er zur Antwort, er sei doch selbst schuld.

Es sind die zwei einleitenden Sätze, die wiederkehrend das Stück strukturieren und dieser erste Vers, der Trost sein sollte, jedoch nur bitter zynisch wirkt, rahmt das gesamte Lied ein und bildet so Kopf und Schwanz des Ouroboros.

Pierre saß dem Arzt gegenüber.
Während er erzählte, waren dem Arzt Tränen gekommen.
Pierre war irritiert, unterbrach sich.
Er konnte nicht verstehen,
wieso sein Erzählen den Arzt so traurig machte.
Plötzlich blickte dieser auf und sagte:
„Seh es doch mal so,
du könntest im Knast sitzen,
oder Aids haben,
oder schon lange tot sein!
Goldener Schuss und so.
Sei froh, dass du hier bist“.

Pierre schaute sich um.
30 Betten.
Fast so wie damals in der Lungenheilanstalt.

Dreißig Betten,
dreißigmal weißer Tod.

Dem Arzt liefen die Tränen über die Wangen … das kann geschehen, wenn Überlebende von ihrem Missbrauch berichten, dass selbst Profis derart berührt werden. Ich erlebte gleiches in meiner Therapie, als die Traumatherapeutin aufschluchzte. Ich saß ebenso irritiert daneben. Dabei erzählte ich nur alltägliches aus meinem Leben. Auch was Ricé erzählt ist „nur“ alltägliches – grausamer Alltag. Somit ist es keine manieristische Repetitio, wenn er die Eingangsfrage, „wo beginnt die Geschichte einer Vergewaltigung?“, als Anapher in Varianten wiederholt, sondern nur die hilflose Frage des tief verletzten Kindes; ebensowenig wie die Schlussfrage unter manchem Vers: „Endet so die Geschichte einer Vergewaltigung?“, als Epipher das Gesagte beschließt, sondern über sich hinaus in eine Lebensewigkeit weist.

Kindesmissbrauch zerstört bereits bevor er geschieht den Raum, in dem ein Kind aufwächst, und er zertrümmert ebenso den Raum, in den das Kind und später der Erwachsene hineinwächst, und die erlebte Gewalt setzt sich fort. Kindesmissbrauch ist wie Schleppscheiße; sie klebt an den Haken, stinkt und lässt sich nicht abwischen. So erging es auch Pierre, als er mit sechzehn Jahren aus dem Elternhaus floh, landete er auf dem Strich und wurde dort von Männern und Frauen vergewaltigt – er, der Auswurf, fand Heimat im gesellschaftlichen Auswurf, er wechselte nur das Milieu. Drogen waren ihm kein Trost, sondern Überlebensmittel, um Schmerz, Gewalt, Verachtung und letztlich sich selbst ertragen zu können. So resümiert Pierre:

„Suchen nach einem Ende.
Aber gibt es wirklich ein Ende,
für die Geschichte einer Vergewaltigung?

Nein, es gab kein einziges Mal,
bei dem es nicht wahnsinnig wehgetan hätte, gevögelt zu werden.
Nur Stoff machte es erträglich.
Mit Stoff hat sogar der Schmerz noch etwas Grandioses.“

Kindesmissbrauch bedingt vielfach eine spätere Drogensucht. Die Überdosis, die Pierre in die Psychiatrie brachte, erleiden viele Opfer. Ein Drittel aller Süchtigen wurden als Kind missbraucht. Zwei Drittel der Süchtigen sind männlich. Es ist eine erschreckend hohe Zahl, die ihrerseits einen Rückschluss auf den Missbrauch von Jungen erlauben würde; doch kein Experte mag diesen Rückschluss ziehen, denn dann würde auch deutlich, dass weit mehr Frauen Kinder missbrauchen, als sie wahrhaben wollen. In Umfragen gibt eine deutliche Mehrheit von als Jungen missbrauchter Männer eine Frau als Täter an. – Doch das ist nicht Pierres Geschichte. In ihr scheint „nur“ die lieblose Mutter auf, die ihrem Jungen vermittelte, dass er an allem Schuld trug; dass er der Kain war, der sich gegen alles versündigt hatte und indem er sich noch von erwachsenen Burschen vögeln ließ, riss er die gesamte Familie in die Tiefe. Also berichtet er, wie er das Kainsmal auf seiner Stirn wachsen spürte, erst als Punkt, dann immer größer bis jedermann sehen konnte, was für ein verdorbener Junge er war. Ja, er war ein Gezeichneter.

„Schuldig für all das Schlimme, das geschah.
Schuld, dass meine Eltern sich so anschrien.
Schuld, dass mein Vater so krank war.
Schuld, dass meine Mutter so schwer arbeiten musste.
Schuld, Schuld, Schuld …
Es gab nichts, woran ich nicht Schuld war auf dieser Welt.“

Pierres Überdosis war kein Selbstmordversuch, denn den beging er längst auf Raten, durch die Droge und sein selbstverletzendes Verhalten, um sich durch die selbst beigebrachten Wunden zu spüren und sein elendes Dasein überhaupt noch registrieren zu können. Sein Suizidversuch war Resignation, die ihn beinahe über die Klippe stolpern ließ, denn sein Leben war längst hoffnungslos. Er war der Desperado seiner selbst.

Auch diese Entwicklung hatte ihre Stationen. Der Vater prügelte den Buben mit allem, was er greifen konnte, mit dem Hammer oder dem Sägeblatt eines Fuchsschwanzes. Die Wunden blieben nicht unbemerkt. Es war der blanke Zufall, dass er dabei nicht tot geprügelt wurde. Ein Lehrer sah seine blauen Flecken, sah die Wundmale der Werkzeuge auf seiner Haut. Pierre vertraute ihm, also antwortete er auf die Frage, wer das war: „Mein Vater“. Der Lehrer kam am Abend in die Wohnung. Vater und Lehrer hatten eine längere Unterredung. Pierre hörte sie durch die Wand reden. Der Vater rechtfertigte sich lautstark. Pierre sei so ein schwieriges Kind, er log und trieb sich rum und hegte ständig Streiche aus. Nein, die blauen Flecken kämen von Händeln mit anderen Kindern. Dann ging der Lehrer, und der Vater stürmte ins Zimmer und schlug wieder auf den Jungen ein. Doch das schlimmste kam anderntags, als der Lehrer Pierre beim Turnen sah, hatte er nur eine Frage zu den erneuten Hämatomen auf seinem Körper:
„Bist du nicht selber schuld,
dass dein Vater dich so behandelt?“

Ein kurzer heftiger Stich in meiner Brust,
enttäuschte Hoffnung, wo es nie wirklich Hoffnung gab.

Der einzige Mensch, dem ich vertraute:
verloren!“

Ja, es gab Zeichen, unübersehbare Zeichen, dass hier ein Kind misshandelt und missbraucht wurde. Doch die Hitlerei war da noch kein Jahrzehnt vorbei, und da galt eine harte Hand nicht als Schaden, und Missbrauch, so etwas gab es da nicht, außer vielleicht bei den Pfaffen. – So gleichen sich die Zeiten.

Doch Pierre setzte, wie jedes missbrauchte Kind, weiter Zeichen, die auch bemerkt wurden. So im Malunterricht, wo das Thema Jonas im Wal war, und Pierre zu seiner, selbst für die Lehrerschaft auffälligen Zeichnung befragt wurde:
„Nun, da sind zwei Menschen im Wal“, antwortete ich.
„Gut. Was machen die?“, fragen die Lehrer mich weiter.
„Der große Mann schlägt den Jungen auf seinen nackten Hintern“, entgegnete ich.
„Gut, weiter, womit schlägt der große Mann den Jungen?“
„Mit einem langen, langen Lederriemen“, antwortete ich.
„Schön, warum kommt dieser lange, lange Lederriemen aus der Hose von dem großen Mann heraus?“, will man wissen.

Die Zeichnungen bekomme ich nicht wieder.
Sie bleiben im Rektorat. Ich soll nicht so schmutzige Sachen zeichnen, ermahnt man mich.

Als ich das Rektorat verlasse, höre ich noch einen Lehrer sagen: „Der Junge hat zu viel Phantasie.“

Selbst als Pierre mit zwölf Jahren all seinen Mut zusammenraffte und seinen Amtsvormund – eine Frau vom Jugendamt – aufsuchte und darum bat, in ein Heim zu kommen, wurde dieses Zeichen gewollt übersehen und das Kind seinem Folterer zurückgeschickt:
„Bei euch daheim ist doch alles in Ordnung, dein
Stiefvater hat Arbeit und verdient gut. Ich habe mich um
Wichtigeres zu kümmern.“

Pierre fühlte sich für all das, was er erlitt, schuldig. Derlei Schuldgefühle enstehen bei sexuellem Missbrauch vor allem in der paradoxen Reaktion des Körpers, der auf die „sexuelle“ Stimulation scheinbar falsch reagiert. Das Glied versteift sich, die Scheide wird feucht und es kann zu Orgasmen kommen. Dieser Widerspruch der Empfindungen bedingt den Selbstekel unter dem viele Überlebenden ihrer Lebtag leiden. Pierre spricht davon:
„Der Körper verriet mich,
steigerte mein ‚Schuldig sein‘,
mein ‚Schlecht sein‘.“

Wahrzunehmen, dass einen der eigene Körper während einer Vergewaltigung verrät, und dann vielleicht noch die höhnische Bemerkung des Vergewaltigers: „Na, siehst doch, es hat dir doch auch gefallen“, ist eine derartige Erschütterung, des eigenen Seins, die nicht mehr heilt. Man bleibt fortan körperlich wie seelisch tief verletzt.

Carl Ricé erzählt Pierres Geschichte in verschiedenen Bildern. Es sind Stationen eines Albtraumes durch den ihn Rübezahl, der ihm in größter Not während eines Entzuges erscheint, führt. Er geleitet ihn aus seiner Hölle. Eine dieser Stationen soll noch erwähnt werden. Ein Lungensanatorium, in dem ihm bittere Verlassenheit widerfuhr. Hier erlitt er erste erinnerte Misshandlungen, ja Folter. Schwestern sperrten den vierjährigen Buben in die Dunkelheit eines Schrankes, fesselten ihn an sein Bett. Andere Kinder bekamen Besuch, er für ihn unverständlicher Weise nicht. Als er versucht eine Schwester zu umarmen und um einen Gutenachtkuss bettelte, stößt sie ihn angewidert zurück. Pierre schildert, was in diesem Augenblick in ihm vorging:

„Die Vertreibung aus dem Paradies in die Hölle der Schuld ist ein Blitz von Gefühlen: sie ergreift meine kleinen Arme, stößt mich zurück. Sagt etwas, sehr sehr heftig. Verstehe nicht, was sie sagt, doch ich fühle Schuld.

Schuld und Verstoßensein.
Fühle ein Messer in der Brust.
Und Scham.
Ich bin wieder allein.
Vielleicht habe ich schon damals entdeckt,
wie minderwertig, wie böse ich bin.

Kam so das Gift des (Ver-)Schweigens in mein Leben?
Beginnt eine Vergewaltigung nicht lange bevor sie stattfindet?“

„Erzählen wie es endet.
Aber wie endet die Geschichte einer Vergewaltigung.“

Die Geschichte des Autors Carl Ricé ist noch nicht zu Ende. Er lebt heute schwer krank in Augsburg. Ich lernte ihn Anfang der siebziger Jahren kennen. Damals verschwiegen wir voreinander noch unsere Geschichten. Er war als Fierant unterwegs. Wir liefen uns immer wieder über den Weg. In den 90er Jahren wurde er als Schauspieler Mitglied im Ensemble des Augsburger Staatstheaters. Damals verfasste er sein Epos und trug es auf zahlreichen Bühnen und Veranstaltungen vor. Sein Aufschrei gegen die Seuche Kindesmissbrauch wurde durchaus beachtet. Doch es fand außer in den Theatersälen kaum eine Diskussion über diese Verbrechen statt. Er war zudem einer der ersten Männer, die von ihrem Leiden als sexuell missbrauchte Jungen literarisch berichteten. Manfred Bielers Roman erschien beinahe zeitgleich 1989. Ich bloggte hier darüber. Bei Bieler war der Täter nicht der Vater, sondern die Mutter.

30 Jahre nach der Uraufführung findet das Kainszeichen verstärkt Beachtung. Das liegt an dem unermüdlichen Einsatz von Ricé, der um sein Stück auch ein therapeutisches Konzept anderem:

„Die Idee zum Einsatz des Hörbuchs für therapeutische und sozialpädagogische Zwecke kommt nicht von ungefähr: Als Erzähler seines Textes arbeitete Carl E. Ricé mehr als 20 Jahre lang in Therapiegruppen mit Opfern sexuellen Missbrauchs, aber auch mit Tätern, hier insbesondere in dem von der Universität München wissenschaftlich begleiteten Projekt „Man(n) spricht“ des Kinderschutzzentrums München (Leitung Dipl.-Psych. Univ. Reiner Kirchmann). Die Erzählperformance diente dabei sowohl der Konfrontation wie auch der Schulung der emotionalen Fähigkeiten der Täter. Diese Tätigkeit an der Schnittstelle von Kunst und Therapie dürfte deutschlandweit einzigartig sein.“

Aktuell ist das Stück auch Gegenstand eines Transferprojektes der Hochschule Augsburg für den Studiengang Soziale Arbeit (BA) unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Stummbaum. Titel des Projektes ist: Wahrnehmen, was nicht sein darf; Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch – Studenten der Sozialen Arbeit entwickeln ein Konzept. Link zur Projektseite.

Das Hörbuch ist über diese Seite in verschiedenen Formaten erhältlich.

3 Gedanken zu “Das Kainszeichen, Rezension eines Hörbuchs von Carl Ricé

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