Über die therapeutische Unsitte der Vergebung

Ich bloggte hier bereits verschiedentlich über den „Anspruch“ von Tätern und Täterorganisationen auf Vergebung durch die Opfer ihrer Missbrauchsverbrechen. Ich halte diesen Anspruch weiterhin für eine Anmaßung, die die tradierten Stationen hin zu einem Verzeihen böswillig ignoriert. Hierbei wird Vergebung abgenötigt. Zudem hat ein Täter keinen Anspruch auf Vergebung. Er darf allenfalls um Verzeihung bitten, sofern er die zwingenden Schritte davor: Bekennen, Bereuen, Sühnen und Entschädigen, gegangen ist. Darum empfinde ich auch die in die therapeutische Praxis eingegangenen Vergebungs- und Rückgaberituale als Zumutung. Sie sind im Grunde eine moralische Nötigung der Opfer, ihre Empfindungen und Interessen zu zensieren und dem perfiden Heile-Welt-Verlangen einer standpunktslosen, konfliktscheuen Gesellschaft nachzukommen; die in ihrem Wunsch, zu einen und zu befrieden einer gentrifizierten, um nicht zu sagen verspießt romantischen Heilewelt-Ideologie nachhängt. Nein, wir hatten und haben uns niemals alle lieb. Täter und Opfer sind sich feind. Hier mag es am Ende eines Ausgleichs vielleicht Versöhnung – im eigentlichen Wortsinn versühnen – geben, doch ein Vergeben, gibt es kaum. Die meisten Opfer von Kindesmissbrauch haben nämlich lebenslänglich. Sie können gar nichts weggeben; die Schmach der Untat bleibt ihnen. Ihr Leben ist von dieser Schmach für immer verschattet.

In meiner letzten Therapiestunde beherrschte dieses Thema das Therapiegespräch. Die Therapeutin (M.R.) meinte es gut, als sie darauf zu sprechen kam. Doch bei mir löste es einen Trigger aus, der über eine Woche unterschwellig mein Gemüt beschwerte. Nachstehend die Niederschrift aus meinem Therapietagebuch.

4. April 2022

Ich hatte schlecht geschlafen. Wollte beinahe die Stunde schwänzen, doch die Müdigkeit ereilt mich nach solchen Nächten für gewöhnlich erst nachmittags.
Ob ich die Kuby-Methode kenne, bei der Erinnerungen überschrieben werden, fragte mich M.R. Ich kenne sie nicht, habe aber von Clemens Kuby gehört. Es geht um eine positive Überschreibung; was mich skeptisch stimmt. Was von dem von mir erlittenen Wahnsinn ließe sich auch ins Positive rücken? – Nein, so sei es nicht gemeint. – Ich berichte von meiner Erfahrung mit ImRS (Imagery Rescripting) in der Traumaambulanz der LMU, bei der wir intrusive Bilder umschrieben, indem wir am Ende die Täter scharf sanktionierten, so wurde ich wehrhaft und die Macht der Täter über mein Gemüt brach zusammen. Jedenfalls versetzte mich diese Vorgehensweise ich in die Lage, dass sich mein Sinn für Zumutungen schärfte und ich ihnen seitdem schon so weit vorher Einhalt gebieten kann, dass sie mich nur noch selten triggern. Triggern tun mich allenfalls unvermittelte Zuspitzungen, und auch die halten als Intrusionen kaum noch an. Jedenfalls habe ich danach keine stunden- oder tagelangen Dissoziationen nach einer Intrusion mehr erlebt.

In diesem Sinne wollte M.R. auch die Überschreibungen nach Kuby verstanden wissen. Ob sie den vorhabe, seine Methode anzuwenden, verneinte sie. Es sei nur ein Hinweis gewesen, wie man seine eigene Geschichte temperieren könne, denn die psychische Wahrnehmung unterscheide nicht zwischen Realität und Fiktion, sondern reagiere im wesentlichen auf die emotionale Wahrnehmung. Hierdurch würden Über- und Umschreibungen von Erinnerung möglich. Gut, simpel, wir Deutsche kennen das nur zu gut, wo wir in unserer kollektiven Erinnerung von einer Horde Aliens, die sich Nazis nannten, in einen mörderischen Krieg gehetzt wurden, in dem diese Aliens auch noch sechs Millionen Juden und zig Millionen weitere Menschen massakrierten.

M.R. kam auf das Thema möglicher Umschreibung zu sprechen, da ich vor zehn Jahren zu Beginn meiner ersten Therapie bei ihr wünschte, es wäre alles nicht geschehen und eigentlich alles beiseite hätte wischen wollen, sofern ich es gekonnt hätte. Nun, ich konnte es nicht, vielmehr fiel ich zu Beginn meiner Traumatherapie 2011 noch heftiger in posttraumatische Belastungen. Allerdings konnte ich mich heute nicht mehr an mein damaliges Verlangen erinnern. Dafür fällt mir meine Hilflosigkeit ein, mich nicht aus der Abhängigkeit von den Tätern entziehen zu können. In diesem Augenblick triggert mich eine Kindheitserinnerung, ja ich rieche sie förmlich, und um die aufsteigende Intrusion zu stoppen und nicht zu dissoziieren, drehe ich meinen Blick zur Decke und fange an, laut die Ecken im Raum zu zählen. M.R. fragt mich besorgt, was los sei, doch ich gehe nicht darauf ein, sondern zähle fort bis sieben. Damit bleibe ich psychisch im Raum und kann von dem gelösten intrusiven Druck erzählen, und erzähle dazu von der scheinbaren Umschreibung meiner Erinnerungen an die Zeit im Waisenhaus, die ich für die glücklichste Weile meiner Kindheit halte, obgleich mir da bereits Missbrauch widerfuhr und ich Zeuge von Missbrauchshandlungen durch die Tanten wurde.

Was ich jedenfalls immer wieder gerne loswerden wollte, war der Geruch der Mutter, dem ich sporadisch auch während der Heimzeit immer wieder ausgesetzt war, wenn ich übers Wochenende mal daheim übernachten durfte. Dann drückte sie meinen Kopf an ihre Scham, auch schlief ich mit ihr in ihrem Bett und zupfte ihr morgens die beginnenden grauen Haare vom Kopf. Und da war dieser Geruch warm, weiblich und ekelhaft. Womöglich beruht der Ekel darauf, weil sich nahe Verwandtschaft nicht riechen mag, was einer Studie zufolge eine natürliche Inzestschranke bedingen würde (siehe Link). Jedenfalls triggern mich auch heute noch Gerüche, die der Mutter ähneln, respektive nehme ich bei Intrusionen häufig ihren Geruch wahr; was mich dann meist in eine Dissoziation abgleiten lässt.

Nun gut, das Erinnerte wegzuwischen, es ungeschehen machen zu können, ist heute nicht mehr mein Thema. Es war so geschehen und wurde zu meiner Geschichte. Ihr enteilen zu wollen, wäre Selbstverleugnung und widerstrebte dem, was ich erreichen möchte, nämlich ein stabiles Selbstverständnis. Irgendwo in mir einen Daseinskern kristallisieren, der Ich wäre. Zudem schütze ich mich im Alltag vor möglichen Intrusionen und ihren Folgen, indem ich Trigger vermeide und mir schon seit längerem keine Missbrauchserzählungen anderer mehr zumute. M.R. erwähnt nochmal Kuby, der meint, man solle seine schlechten Erinnerungen weggeben, und schlägt mir vor, zu überlegen ob und wie ich meine Widerfahrungen weggeben und an die Täter zurückgeben könnte. Diesem Gedanken verweigere ich mich entschieden, denn zurückgeben, weggeben rückt für mich in die Nähe zu vergeben, und genau das möchte ich niemals. Es wäre der späte Sieg der Täter wider mich, die hierdurch entschuldet wären.

Vergessen, nein niemals! Mit dem Weggeben entstünde allerdings diese Option. Zurückgeben, würde zudem ein Schweigen bedingen, denn jede Form der Vergebung, samt deren Vorstufen, soll die Untat heilen. Nein, diese Verbrechen waren formend, mich und mein Leben formend. Selbst dass ich heute noch lebe und leben kann – prekär wie speziell -, waren Folge der Tat. Nicht zu einem guten Ende gewendet, sondern zu einem möglichen Ende, das für mich gut ist und das ich in Selbstverantwortung und Selbstverständnis so für mich gefunden habe. Ja, ich habe Löcher im Hirn, ungewöhnlich große Liquorräume, wie mir unlängst nach dem Schlaganfall erneut diagnostiziert wurde, und diese Leerräume füllen sich nicht durch Rückgabe oder Vergebung der erlittenen Schändlichkeit. Nein, sie wurden mir vielmehr durch die kriminelle Vernachlässigung für immer ins Gehirn getrieben.

Abgeben, Zurückreichen, diese therapeutische Spielerei ganz im archaisch hierarchischen Kontext, mit dem Stämme ihre Zwiste beilegten und die im Christentum ihre Pervertierung in der Feindesliebe fanden, lehne ich ab. Niemals, nicht in meiner einfältigsten Phantasie würde ich meine erlittene Verletzung symbolisch den Geistern der verstorbenen Täter zurückreichen. Nein, wenn würde ich sie mit einem blauen Band umwickeln und in die Kloake werfen – und das habe ich mental schon längst getan. Mein Behuf ist diese Auseinandersetzung nicht mehr, auch wenn ich mich, wenn ich über die Verbrecher spreche, sehr bitter anhöre – nur sollte ich etwa über ihre Untaten säuseln? Nur ein Bild, das gerade flashbackt: Welche Mutter zecht in Unterwäsche mit dem Vater vor beider Sohn und spreizt die Schenkel und lässt sich vor ihrem Kind vom Vater im Schritt befummeln, als wäre es das normalste der Welt. Diese Eltern waren ein schamloses, kriminelles Pack, versoffener Abschaum. – Zudem warum soll sich das Opfer dem Täter unterwerfen und Abbitte durch einen Vergebungskotau leisten. Wo doch die Täter allein durch ihre Schändlichkeit die Gemeinschaft herausforderte, ihre sittliche Norm, um des Friedens willen, durch Vertuschung zu relativieren, indem das Verbrechen tabuisiert und dem Opfer ein Schweigegebot auferlegt wird.

In diesem Zusammenhang erklärte ich auch, warum ich höchst selten Fallgeschichten zum Thema konsumiere. Weil sie zum einen redundant sind und sich zum anderen doch unbewusst tief in mein Gemüt fressen, so dass ich mich noch weiter verliere und antriebslos im Schatten dieser dunklen Materie drehe.

Am Freitag darauf war ich bei der Psychiaterin Ma.Ra. Ihre Frage nach meiner Befindlichkeit fiel mal wieder ins bodenlose und machte mich ratlos. Selbstverständnis, fehlendes Selbstverständnis – präziser gesagt nicht ausgebildetes Selbstverständnis – vermute ich hierfür als Ursache. Um dennoch einen guten Gemütseindruck auf sie zu machen, erwähne ich unsere goldene Hochzeit und denke über das Glück nach, dass wir hatten, ihn überhaupt begehen zu können, wo wir doch in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre beide beinahe an den Folgen und Begleiterscheinungen von Missbrauch, Drogenabusus gestorben wären. Unsere Suchterkrankung war schließlich eine direkte Folge unserer prekären Biografien.

5 Gedanken zu “Über die therapeutische Unsitte der Vergebung

  1. Herzl.Dank für diesen treffenden „Bericht/Post“.
    Alles richtig ….wer nimmt schon Missbrauchsopfer von damals richtig ernst!??
    Bin DIS -Betroffene und die „Aerzte“ incl.Psychiater sitzen in ihren Sesseln achselzuckend und ratlos….also weiterhin hilfesuchend mit sehr kompl.Symtomatik!
    Nun ja…man soll sich ja gegenwärtig solidarisieren mit der gegenwärtigen schwer traumatisierten Flüchtlingswelle…nun ja..mag schlimm sein ABER sie bekommen Hilfe von vielen Seiten.
    Was ist mit unseren eigenen schwer traumatisierten älteren Generationen ?
    NIX PASSIERT!!!
    NIX…man lässt diese Personen weiterhin mit ihrem Schicksal im Regen stehen!
    Versorgungsamt schmettert wg Mangel an Beweisen (Täter=Vater)OEG selbstverständlich ab.
    Warum wohl hatte sich der Täter 1965 /1976nicht selbst angezeigt?

    Herzl.Grüsse

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    • Hallo Crushed. Danke für Ihre Mitteilung. Vergleiche mit anderen Gruppen von Menschen in Not, nützen uns nichts. Kindesmissbrauch ist nach wie vor für die meisten ein ekliges, unbegreifliches Verbrechen, das man schnell und gern überblättert. Wie sollen sie dann ein Gefühl für unsere komplexen seelischen Traumata entwickeln können? Selbst untereinander haben wir es schwer miteinander auszukommen. Zu viele konträre Interessen wirken hier hinein, so dass nur selten Gemeinsamkeit entsteht. Therapeuten sind mehr an ihren Methoden und Theorien interessiert. Seelenverletzte wollen oft nicht über ihren Schatten hinaus blicken. Und viele angebotenen Hilfen dienen eher dem Image der Anbieter als den Betroffenen.
      Wenn Ihr Fall vor 1975 geschah, haben Sie ohnehin keine Chance, Hilfe vom OEG zu erhalten. Wobei es überhaupt sehr schwer ist als Überlebender vom Versorgungsamt anerkannt zu werden. Wenn der Täter oder Täterin nicht verurteilt wurden ist es fast aussichtslos.
      LG Lotosritter

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  2. Ich stimme mit dir überein, christliches Vergeben ist Selbstverrat und diese Fabel vom Zurückgeben funktioniert schon gar nicht. Aber Vergeben als „Abwischen“ von mir im Sinne von Opfersein, das kenne ich und damit konnte ich mich lösen von innerer Verstrickung mit dem Täter. Ich bin wertvoll und er ist ein sadistischer Mensch, der immer wieder ungeschoren davonkommt – was soll’s, er ist mir nichts mehr wert, keine Gedanken und keine Emotion, auch wenn ich nichts vergesse, nichts verzeihe, aber klar sehe. Liebe Grüße! Kerstin

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    • Danke für Deine Worte. Abwischen würde ich es nicht nennen. Das wäre zu aktiv und zwänge mich in eine Beziehung zur Tat und den Tätern. Ich würde diese Phase der Lösung aus dem Kreis des Verbrechens eher als ein verblassen und abfallen umschreiben. Es erkaltet. Die Wut auf die Täter verliert sich. Es ist ähnlich wie beim Ende eines Trauerprozesses. Wollte ich den Eltern und anderen Täterinnen einst noch in die Urne pissen, so kommt mir dieser Gedanke heute nicht mehr. Sie sind in jeder Beziehung tot. Gewiss fällt fürderhin noch weiteres von mir ab und ich werde freier. Gleichwohl muss ich für mein Leben selbstreflektiert bleiben, damit alte Muster nicht wieder belebt werden. Aber das hat mit mir zu tun, nicht mit den Tätern. Seelenhygiene ist zu meiner Aufgabe geworden.

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  3. ….ja….aussichtlos…wie bereits erwähnt….der Täter hatte sich leider nicht selbst angezeigt…über Schuldzuweisung brauch ich nix kommentieren…sicherlich bekannt….tja….naja….wenigstens werden die HanauOpfer „allimentiert“konnte man ja alles nachvollziehen bzw.greifbar gewesen!!!😉
    Alles Gute nach Irgendwo aus Nirgendwo

    Hoffe sehr,der Täter schmort in der Hölle….no forgiveness!!!NEVER!!!

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